Christine Schirm

Christine SchirmChristine Schirm ist in den Südstaaten der Bundesrepublik daheim – konkret in Augsburg. Seit sie lesen kann, liebt sie es, in andere Welten abzutauchen und an der Seite ihrer Helden Abenteuer zu erleben. Mit ihrem Buch und ihren Texten möchte sie ein paar Stunden Auszeit vom Alltag an die Bücherwelt zurück geben.

Seit die Autorin denken kann, ist sie vom amerikanischen Wilden Westen fasziniert – weil die Indianer Nordamerikas in ihrer Verbundenheit zur Natur eine Alternative zur Konsumgesellschaft darstellen, weil in der ersten dauerhaften Demokratie zu dieser Zeit alles möglich schien – Freiheit, Abenteuer, Glück – , weil sich die Gesellschaft im Schmelztiegel der vielen Völker neu definieren konnte, oder einfach weil ihr Papa und ihr Opa sie mit Karl May und Lucky Luke aufgezogen haben – ist nicht abschließend geklärt. Eine kleine Auswahl ihrer Buch- und Filmhelden hierzu hat sie unten zusammen gestellt. Besonders die starken Frauen, die sich in der rauen Männerwelt des Westens ihren Platz schaffen, inspirieren sie zu ihren eigenen Romanfiguren.

Inzwischen arbeitet sie an ihrem Historischen Roman, der im amerikanischen Bürgerkrieg spielt und sie überall hin begleitet – unter anderem in die USA, wo die Autorin ein halbes Jahr lang gelebt und gearbeitet hat.

Kontakt: Christine.Schirm@gmx.de

Wildwest Romanhelden:

Wildwest Filmhelden:

  • Italo-Western wie „Der Texaner“ und „Django“
  • Der mit dem Wolf tanzt
  • The Salvation
  • Little Jo – eine Frau unter Wölfen
  • alle Karl May Verfilmungen inkl. „Der Schuh des Manitu“
  • Mein Name ist Nobody
  • Viva Maria
  • Zurück nach Cold Mountain
  • Bad Girls

Kurzgeschichte: Komposition

Eine schmale Hand in ein einem eleganten, schwarzen Spitzenhandschuh legte sich auf die geschmiedete Klinke. Zögernd verweilte sie dort; drückte sie dann entschlossen nach unten. Im gleichen Moment wurde die Tür nach innen aufgestoßen; beide Frauen machten überrascht einen Satz rückwärts. Die Ältere fasste sich zuerst.

„Was stehst du da herum, wie ein Pferd im Flur, Mädchen? Du weißt genau, dass dir dein Vater verboten hat, ohne Begleitung auf die Straße zu gehen!“ Die Jüngere lächelte darauf etwas verunsichert und strich sich eine rot-blonde Locke hinters Ohr. „Ich gehe aus“, flüsterte sie schließlich. Bevor sich die Haushälterin versah, war die junge Frau an ihr vorbei geschlüpft, dann fiel die Tür krachend hinter ihr ins Schloss.

Auf der Straße atmete Clara erleichtert aus. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mit entschlossenem Schritt lief sie die Straße hinunter; eine fröhliche Melodie aus Flöten- und Geigenklängen tönte in ihrem Kopf. Unwillkürlich machte sie einen Tanzschritt zur Seite und lächelte übermütig. Zu dem Kutscher, der wegen ihr in letzter Sekunde sein Pferd abbremsen musste und ihr darauf lauthals hinterher schimpfte, drehte sie sich nicht einmal um.

Claras Hand wanderte in ihre Rocktasche. Der fingernagelgroße Klumpen fühlte sich angenehm schwer an. Reines Gold! Dass er ihr trotzdem beim Pflanzen junger Bäume im Central Park ins Auge gestochen war, war reiner Zufall gewesen. Instinktiv hatte sie ihre Finger danach ausgestreckt, bevor ihn auch ihr Vater sah. Als sie sein Gewicht gespürt hatte, war sie zusammengezuckt. Ihr war sofort klar geworden, was sie da in der Hand hielt. Ihr Ticket in die Freiheit.
An der Hausecke bückte sich das Mädchen und zog eine ramponierten Koffer unter einer Außentreppe hervor. Er enthielt alles, was sie in ihr neues Leben mitnehmen wollte. Ganz oben lag die Flöte ihrer Mutter.

Aber es war noch viel zu früh. Scheinbar ziellos streifte Clara durch die Häuserwüste, bis der graue Stein unerwartet zur Seite wich und den Blick auf das Meer frei gab. Ihr Blick suchte als erstes den Punkt vor der Küste. Das Symbol für die Freiheit, das vor zwei Jahren errichtet worden war. Welche Ironie, dass die Statue ausgerechnet eine Frau darstellte. Doch heute wollte Clara glauben, dass Freiheit auch für sie möglich war.

Am Ufer ließ sich das Mädchen auf ihren Koffer sinken. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. In einem Beutel hatte sie sich so viele Lebensmittel aus der Küche mitgenommen, wie sie sich getraut hatte. Jetzt wickelte sie ein Stück vom Sonntagsbraten aus und biss genüsslich hinein. Sie aß nur soviel, bis der größte Hunger gestillt war. Den Rest schlug sie wieder sorgfältig ein und legte ihn zurück in den Beutel. Ein Blick zur Sonne verriet ihr, dass sie immer noch mehrere Stunden Zeit hatte.

Automatisch griff Clara in ihre Tasche und zog eine Schwarz-Weiß-Photographie hervor, die bereits arg abgegriffen war. Liebevoll strich sie mit dem Daumen darüber. Jedesmal wenn sie sich dort als Zehnjährige andächtig über die riesige Harfe streichen sah, erinnerte sie sich an das Vertrauen, das sie damals gespürt hatte. „Genieße den Moment!“, wollte sie dem Mädchen zurufen, „Spüre die Hoffnung und das Vertrauen in die Zukunft! Lausche der Musik mit all deinen Sinnen! Was du jetzt hörst, fühlst und glaubst, muss für ein ganzes Leben reichen!“

Eine einzelne Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel. So viele hatte sie seit diesem Tag vergossen, an dem sie beschlossen hatte die erste Frau im Ensemble der New Yorker Philharmoniker zu werden. Sie hatte Talent, das wusste sie, und war darüber hinaus bereit, alles für die Musik zu opfern – eines Tages hätte sie es geschafft, gegen den Widerstand ihres Vaters und der Gesellschaft. Doch dann war im Winter vor vier Jahren die Erkältung ausgebrochen: tagelang hatte sie das Bett gehütet und in ihren Ohren hatte sich ein stechender Schmerz festgesetzt. Gegen alle Erwartungen war sie zuletzt nicht gestorben. Doch seitdem erklang die Musik nur noch in ihrem Kopf.

Am Abend war unter den fein heraus geputzten Konzertbesuchern auch eine junge Frau in schlichter Kleidung, die sich ganz hinten in den Sitz drückte. Als die Musik endlich einsetzte, vergaß sie die Welt um sich herum. Sie verschmolz mit den hohen Schwingungen der Streicher, vibrierte mit den Wellen der Bässe, spürte den Widerhall der Posaunen in ihrem Bauch – Sie war zu Hause.