Bevor Karl auf Elise traf

Bevor Karl auf Elise traf

8. November 2020 6 Von Valentina Wagner

In meiner Geschichte Heute, gestern, morgen, die bald in unserer gemeinsamen Anthologie Dazwischengeschichten erscheinen wird, trifft Karl auf Elise und lässt sich von ihr mitziehen in ein Abenteuer durch die verlassene Niemandsstadt.

Aber wie das so ist, in einer heruntergekommenen, verlassenen Stadt, die kein Anfang und kein Ende hat, kreuzen sich ihre Wege schon davor immer wieder. Ohne, dass Karl es ahnen würde. Wie hier in dieser kleinen Vorgeschichte.

 

Bevor Karl auf Elise traf

 

Karl

Karl blickte die Fassade des Hochhaues hinauf. Hinter der zersprungenen Glasfront brannte Licht und erhellte die neblige Nacht um ihn herum. Es war kalt geworden. Er zitterte leicht. Karl trug nur eine kurze Hose und ein löchriges T-Shirt.

Die Drehtür am Eingang des Hochhauses war nicht versperrt und ließ ihn hinein. Im Gebäude war es ebenfalls kühl. Aber immerhin war er hier nicht draußen im nassen Nebel.

Im Foyer war der Kronleuchter heruntergefallen. Das Licht der anderen Deckenleuchten spiegelte sich in den zerschellten Kristallen, die auf dem staubigen Boden wie gefallene Sterne glänzten.

Er stieg über die glitzernden Überreste des Kronleuchters und lief zu den Aufzügen im hinteren Teil des Foyers. Sein gesundes Bein war müde vom langen Marsch durch die Stadt. Sein metallenes Bein knarzte bei jedem Schritt. Wenn er es vermeiden konnte, würde er nicht die Treppen nehmen.

Er drückte den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Der Zeiger über der Tür bewegte sich abwärts. Karl atmete erleichtert auf. Wenigstens einmal hatte er Glück. Er beobachtete die Nadel, wie sie von der großen Zehn am einen Ende der Skala Stück für Stück, Stockwerk für Stockwerk hinuntersprang. Ein leises Ding kündigte an, dass der Aufzug das Erdgeschoss erreicht hatte.

Die goldenen Türen glitten langsam auf. Die rechte Hälfte schien sich verhakt zu haben. Sie öffnete sich nur halb. Stieß klackernd immer wieder auf einen Wiederstand. Karl trat einen Schritt nach vorne, rieb sich mit dem Handrücken über die Nase. Die Türen gaben den Blick frei auf einen leeren Aufzugschacht. Er lehnte sich hinein, blickte nach oben. Nichts als Dunkelheit, aus der Kabel zu ihm hinab hangen. Er sah nach unten und seufzte. Da lag die Aufzugkabine. Sie war abgestürzt wie der Kronleuchter im Foyer hinter ihm.

Karl fluchte leise. Dann stieß er sich vom Eingang des Aufzugs ab und ging hinüber zu der Marmor-Treppe, die in den ersten Stock führte. Es blieb ihm nichts anderes übrig.

Langsam erklomm er Stufe für Stufe.

Er konnte nicht aufgeben. Vielleicht fand er jemanden. Irgendjemanden.

Er konnte nicht alleine sein in dieser Stadt, die er Niemandsstadt getauft hatte.

 

Elise

Elise stand vor dem zersprungenen Fenster und blickte hinaus. Weit unter ihr woben sich Nebelschwaden um die flackernden Lichter der Straßenlaternen. Machten es unmöglich, die Straße zu sehen. Der Nebel war undurchdringlich. Durch die Risse im Fenster drang kalte Nachtluft. Sie schauderte etwas, zog ihre Regenjacke enger.

Was machte sie hier? Sie war am falschen Ende der Stadt. So fand sie hier nie heraus.

Irgendetwas an diesem protzigen Hochhaus hatte sie angezogen. Hatte sie durch jedes Stockwerk streifen lassen. Bis sie hier oben im zehnten Stock angekommen war. Wie als kenne sie sich hier aus, war sie durch die Gänge gestrichen. Zwei Mal rechts, einmal links. Dann die erste Tür zu ihrer Rechten. Die Tür hing aus den Angeln. Eröffnete den Blick auf ein kleines Büro mit beeindruckender Aussicht auf die anderen gläsernen Hochhäuser der Stadt.

Elise ließ sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder. Wirbelte dabei etwas Staub auf. Der Stuhl war zu hoch für sie. Ihre Füße erreichten den Boden nicht. Sie tastete nach dem Hebel. Mit einem leisen Pfft ließ der Stuhl sie etwas hinab, so dass die Sohlen ihrer ausgelaufenen Turnschuhe den Boden berührten.

Sie drehte sich langsam im Kreis, lachte leise. Der Stuhl unter ihr knackte.

Elise drehte sich ein weiteres Mal. Und noch einmal, immer schneller. Das zersprungene Fenster verschwamm mit dem Schreibtisch aus dunklem Holz, verschwamm mit dem umgestürzten Regal, verschwamm mit der aus den Angeln hängenden Tür.

Sie verschwendete ihre Zeit.

Elise stoppte den Stuhl. Hier war Nichts. Bald würde die Sonne aufgehen und sie hatte hier in diesem heruntergekommenen Gebäude herumgetrödelt. Sie erhob sich, rieb ihre vor Müdigkeit brennenden Augen und lief zum Gang hinaus zurück in Richtung Treppe.

Als sie an den verschlossenen Türen des kaputten Aufzugs vorbeilief, fing etwas in ihren Augenwinkeln ihren Blick ein. Die Nadel über der goldenen Aufzugtür. Sie sprang von Stockwerk zu Stockwerk.

Elise erstarrte. Schluckte. Beobachtete die Nadel, wie sie schließlich im Erdgeschoss zum Stillstand kam.

Dann rannte sie Richtung Treppe.

Endlich!