Der Fall

Der Fall

28. Juni 2020 0 Von Valentina Wagner

Der Fall ist eine kurze Geschichte über Elisa, die endlich den Himmel berühren will.

 

Der Fall

Früher habe ich sie bewundert – ja, ihnen sogar ehrfürchtig nachgeschaut. Heute bin ich eine von ihnen. Und um ganz ehrlich zu sein, bin ich sogar besser als sie. Langsam habe ich mich die Leiter hinaufgearbeitet. Ich bin ein Überflieger, ein Visionär, ein Talent. Ich bin die Beste!

„Elisa, was machst du da oben?“

Agata starrt mich mit ihren kleinen glasigen Augen an. Sie wirkt winzig von hier oben, unbedeutend. Meinen Sinn für das Großartige – mein Drängen nach Mehr – wird sie nie verstehen.

„Ich werde fliegen!“, rufe ich ihr zu.

„Aber Elisa, das kannst du doch gar nicht.“

„Das wirst du schon sehen!“, stolz werfe ich meinen Nacken zurück.

„Aber Elisa, du bist eine Henne!“

Agata nervt.

Jeder große Visionär hat eine Agata, die versucht ihn runterzuziehen. Würde es ihr gelingen, gäbe es keinen Fortschritt. Diesen bodenlosen Pessimismus werde ich einfach ignorieren.

Ich konzentriere mich auf meinen Flug. Blicke nach oben in den blauen Himmel. Mein Ziel! Mein wunderschönes Ziel. Zum Greifen nahe. Probeweise breite ich meine Schwingen aus. Ich fühle mich stark und kraftvoll.

„Ich werde den Hahn holen!“

Wieder diese Agata. Ich bin ihrer überdrüssig. Irritiert schüttle ich meine Federn aus. „Einfach ausblenden“, murmele ich mir selbst zu. Entschlossen wende ich mich wieder meiner Vision zu. Ein Spatz landet neben mir. Anmutig, graziös. Sein Kopf dreht sich kurz zu mir hinüber. Dann breitet er seine Schwingen aus und erhebt sich in die Lüfte. Fröhlich zwitschernd. Ich habe die Spatzen lange genug studiert. und ihr Geheimnis geknackt. Ich weiß, wie sie es machen. Das Fliegen.

Von der Spitze der Hühnerleiter aus mache ich einen Satz. Hinüber auf das Dach des Stalls. Das Geheimnis der Spatzen ist die Höhe. Hier oben auf dem Dach landen sie gerne, auch auf den Pfosten unseres Zauns, oder in den umliegenden Bäumen.

Der Wind hier oben peitscht mir um den Schnabel. Mit diesem Wind unter den Flügeln werde ich abheben, mich in die Lüfte schwingen und fliegen bis ich das Blau des Himmels berühren kann.

„Sie ist verrückt geworden!“ „Sie wird sich in den Tod stürzen!“ „Sie wird von dort oben nie wieder runterkommen!“ „Tu doch was!“ Die aufgeschreckten Hühner versammeln sich vor unserem Stall, drängen den Hahn nach vorne. Der schaut mich mit schiefen Kopf an, ich mit schiefen Kopf zurück. Ich bin nicht nur irgendeine seiner Hennen. Ich bin Elisa, die Windgeborene. Elisa mit den Goldschwingen. Ab heute.

Diese Kleingeister. Tag ein, Tag aus machen sie nichts anderes als auf dem Boden nach Körnern zu picken, in ihren gemütlichen Nestern zu schlafen, ihre Eier auszubrüten. Keine von ihnen schaut jemals nach oben. Keine träumt von mehr. Ich werde es ihnen allen zeigen. Ich werde die erste Henne im Stall sein, die fliegt.

Langsam bewege ich mich auf den Rand des Daches zu. Ich breite meine Flügel aus. Ich bin eins mit dem Wind, meine Federn sind elektrisiert, ich spüre jeden Lufthauch. Die Luft will mich vom Dach heben, sie will nach mir greifen und mich in den Himmel ziehen. Ich tribble langsam los, ich werde immer schneller, ich spüre, wie meine Beine langsam das Dach verlassen. Die Hühner unter mir gackern nervös. Ich juble. Ich hebe ab –

„Elisa, was machst du denn schon wieder auf dem Dach?“

Zwei riesige Pranken packen mich. Nein, nein! Die stinkenden Hände des Bauern halten mich zurück. Ich kann mich nicht mehr bewegen! Ich schlage wild um mich, hacke mit meinen Schnabel nach seinen Fingern.

„Au, Elisa, hör auf!“

Ich kratze ihn mit meinen Klauen. Wie kann er mich nur so verraten? Wie kann er nur meinen Flug sabotieren? Mein Schnabel gräbt sich tief in seine fette Hand.

„Au, jetzt reicht‘s!“

Die Hände des Übeltäters lassen plötzlich locker. Ich falle, bin nicht darauf vorbereitet. Der Wind haucht schwach durch meine Federn.  Ich versuche meine Schwingen in Position zu bringen. Meinen Kopf selbstbewusst nach oben zu recken. Wie es die Spatzen tun. Ich bin eine von ihnen!

Der Wind hält mich nicht in der Luft. Ich schlage einmal mit meinen Flügeln in die Leere um mich herum. Und ich falle. Falle einfach zu Boden, wie ein ungelenker Klops.

Ich lande auf meinen Schnabel inmitten des Hühnerhaufens. Die Hennen gackern, der Hahn wendet sich desinteressiert ab.

Ich will meinen Kopf im Dreck vergraben. Diese Schmach! Diese Pein!

„Dummes Huhn.“