Der Gesandte

Der Gesandte

7. April 2019 2 Von Daniel Bühler

Gaius Popillius Laenas fluchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne ließ schon am Vormittag keine Gnade walten, und der Wind hörte nicht auf, ihm Staub ins Gesicht zu blasen. Popillius Laenas hasste dieses Land, dieses … Ägypten. Und diese Ansammlung von Häusern hier, ein Schweineschiss namens Eleusis, machte es nicht besser. Selbst den Huren, die in den umliegenden Gebäuden ihre Kundschaft bedienten, schien es heute zu heiß sein. Auf dem nahe gelegenen Nil-Kanal schnatterten ein paar Gänse.

Mit der Hand, in der Popillius auch den Papyrus mit dem Senatsbeschluss hielt, wischte er sich den Staub aus seinen Haaren, die schon begannen, grau zu werden. Immerhin tat die trockene Luft seinem Knie gut, die Stelle, an der ihn der Speerschaft eines Ligurers getroffen hatte, war in den letzten vier Jahren schlimmer geworden. Dem Barbaren hatte er damals eigenhändig den Schädel gespalten.

In einem Anflug von Übermut ließ er seinen Stock aus Rebholz einen Moment in seiner Hand kreisen, so wie er es auch als junger Reiterführer mit seinem Schwert gemacht hatte. Der Knauf war mittlerweile glatt poliert und massierte die Schwielen in seiner rechten Hand. Dann aber bemerkte er, dass er es übertrieben hatte; ein Schmerz fuhr in sein rechtes Kniegelenk, und für einen Augenblick sah er sich schon vor den Augen seiner Begleiter stürzen. Vor Hostilius und diesem Schwachkopf Decimius, der ihn schon auf Rhodos sabotiert hatte. Stürzen vor den Augen ihrer Sklaven. Sah sich vor den Augen des Königs stürzen.

Die Jahre des Trainings machten sich bezahlt. Mit einer schnellen Bewegung, die einem jungen Tribun alle Ehre gemacht hätte, stieß Popillius Laenas seinen Stock in den Boden und fand sein Gleichgewicht wieder. Lautlos. Hostilius und Decimius, zu seiner Rechten und Linken zwei Schritte hinter ihm, hatten nichts bemerkt.

Popillius straffte seinen Rücken. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von Antiochos, der sich König des Seleukiden-Reiches nannte. All die Ringe und das Gold an Kleidung und Körper dieses Mannes erschienen Popillius wie Gewichte, die das Rückgrat Antiochos’ unweigerlich nach unten zogen. Das Gesicht des Königs wirkte jedoch erstaunlich jung, da es von keinem Bart verunstaltet wurde.

Popillius durfte hier nicht scheitern. Antiochos mochte einer dieser verweichlichten, weibischen Herrscher sein, die sich am östlichen Mittelmeer sammelten wie Fliegen auf einem Misthaufen. Aber er stand kurz vor der Eroberung Ägyptens, die Mauern Alexandrias befanden sich nur etwa eine Meile westlich. Vor ihnen befand sich Antiochos’ Heer. Zwar war sich Popillius sicher, dass ein römischer Legionär so viel wert war wie fünf von Antiochos’ Soldaten. Nur hatte Popillius keinen einzigen bei sich. Insgesamt umfasste ihre Delegation inklusive ihrer Sklaven und des Hilfspersonals nur wenige Dutzend Männer.

Aber, bei den Göttern, Rom konnte nicht dulden, dass sich Antiochos Ägypten einverleibte und damit zu mächtig wurde. Und wenn er, Popillius, es nicht schaffte, den König zum Abzug aus Ägypten zu bewegen, würde das nicht nur Roms Angelegenheiten schaden. Auch seine Feinde im Senat würden wieder ihre Dolche schärfen. Die Ratten warteten ja nur darauf, dass er einen Fehler machte.

Popillius verlangsamte seine Schritte nochmals. Er war zwar kleiner als Antiochos, doch er stellte sich vor, auf der großen Rednertribüne auf dem Forum in Rom zu stehen, vor sich das einfache Volk der Stadt, all die Menschen, die nur danach lechzten, seine Stimme zu hören. Es funktionierte – wie immer. Jetzt sah er auf diesen König herab und strahlte die Würde und die Arroganz aus, die einem angesehenen Mitglied des Senats und ehemaligen Konsul Roms zukam.

„Allerverehrungswürdigster Gaius Popillius Laenas, vornehmster Senator des Tiber-umschlungenen, von den Göttern geliebten, siegreichen Rom“, begann da der Herold, ein Mann, lang und schmal wie ein Speer. „Antiochos, der Erschienene, Sohn des Antiochos, Nachfolger des großen Alexander, Herr über das menschenreiche Syrien, von den felsengekrönten Weiden Kappadokiens bis zu den zedernbestandenen Hängen des Libanon, der König, grüßt dich.“

Die Stimme des Herolds, weich wie heißer Weizenbrei, holte Popillius aus seinen Gedanken. Der Erschienene. So nannte sich Antiochos. Nun, es war nicht unüblich, dass sich diese Leute für Götter hielten, dabei waren sie nichts Besseres als Ziegenhirten. Kappadokien? Hatte sich doch längst von ihm verabschiedet. Wenn dieser Rotzlöffel Alexander gewusst hätte, was aus seinen Nachfolgern geworden war, wäre er niemals aus seiner jämmerlichen Erdhöhle in Makedonien gekrochen, um die halbe Welt zu erobern.

Antiochos streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin. Popillius schwieg. Rührte sich nicht. Mit einer Handbewegung, die weder zu schnell noch zu langsam war, reichte er Antiochos den Beschluss des Senats. Decimius links hinter ihm schnaubte leise. Dieser Schwachkopf. Popillius dachte nicht daran, sich jetzt mit diplomatischen Gepflogenheiten aufzuhalten.

Der König las, runzelte die Stirn, seine Augen weiteten sich. Bei den Göttern, der Senatsbeschluss hatte es in sich. Und Popillius würde ihn durchsetzen. Nach einem Moment antwortete der König selbst; erstaunlicherweise hatte er eine wohlklingende Stimme. „Verehrungswürdiger Popillius Laenas …“, ja, ja, du Knabenliebhaber, komm zur Sache. Schließlich beendete Antiochos den Satz, „Daher bitte ich dich um Zeit, um mich mit meinen Freunden zu beraten.“

Zeit? Bei den Göttern. „Wir sollten sie ihm gewähren“, raunte Decimius hinter ihm. „Ohne unsere Legionen …“

Schwachkopf!, dachte Popillius. Dich interessieren doch nur die Legionen von Huren nebenan. Aber natürlich hatte Decimius recht. Wie Popillius hatte er wohl bemerkt, dass zwei Begleiter des Antiochos miteinander tuschelten. Die Männer waren, soweit Popillius wusste, Heerführer des Königs. Wahrscheinlich hatte Decimius Angst, hier selbst in Gefahr zu geraten. Nun, ganz ausgeschlossen war das nicht. Aber Popillius konnte nicht dulden, dass sich irgendein König Rom widersetzte. Wie jedoch sollte er es anstellen?

Sein Kopf begann zu schmerzen. Nur nichts anmerken lassen. Popillius beschloss, alles in die Waagschale zu werfen. Auf die Gunst der Götter zu vertrauen. Hoffentlich hielt sein Knie. Popillius hob seinen Stock ganz leicht an, trat ohne sich auf ihn zu stützen an Antiochos heran. Der glotzte ihn an. Mit einer gemessenen Bewegung zeichnete Popillius mit dem Stock einen Kreis um den König in den Sand. Dessen Blick wurde länger und länger. Popillius trat zurück.

„Noch bevor du diesen Kreis verlässt, Antiochos“, sagte Popillius, „wirst du mir antworten – wirst Du dem Senat antworten.“ Und wenn du nicht auf die Forderungen Roms eingehst, vervollständigte Popillius den Satz in Gedanken, befindest du dich mit Senat und Volk von Rom im Krieg.

Der König wirkte, als hätte ihn jemand mit einem Eimer Wasser übergossen. Mit offenem Mund sah er sich zu seinen Begleitern um. Einer war blass wie ein Babyarsch. Die können dir nicht helfen.

Antiochos sah Popillius an. Suchte er nach Anzeichen von Nachgiebigkeit oder sogar Schwäche? Bleib stark, sagte Popillius zu sich selbst. Ich bin der Senat – ich bin Rom. Wieder zeterten ein paar Gänse auf dem Wasser. Hatte der Wind schon länger aufgehört zu wehen? Ein Schweißtropfen rann über die Stirn des Königs. Dann nickte er.

Beinahe wäre Popillius ein Lächeln aus dem Gesicht gerutscht, das die Erhabenheit seines Blickes, die Erhabenheit Roms beeinträchtigt hätte. Beinahe. „Ich werde tun, was der Senat wünscht“, sagte Antiochos. Popillius musste anerkennen, dass die Stimme des Königs ihre Würde nicht verloren hatte. Obwohl der Senatsbeschluss von ihm verlangte, unverzüglich den Krieg zu beenden und sich mit seinem gesamten Heer – immerhin mehrere zehntausend Mann – hinter die Grenzen seines Reiches zurückzuziehen.

Popillius kramte ein Lächeln hervor, das er immer beim Wahlkampf in Rom aufgesetzt hatte und schüttelte Antiochos die Hand. Immerhin war der ja nun wieder ein Freund und Verbündeter des römischen Volkes. Ohne noch ein Wort zu sagen, drehte sich Popillius zu seinen Begleitern um und jetzt erlaubte er sich sogar ein Schmunzeln. Er brauchte einen Würzwein – gut gekühlt, wenn möglich. Als er an Decimius vorbei schritt, der ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Erleichterung ansah, blinzelte er ihm zu. „Nun, Decimius, kannst du zu deinen Huren zurück.“

 

Zur Geschichte

Gaius Popillius Laenas und Antiochos IV. Epiphanes (griech. der Erschienene) sind historische Persönlichkeiten und ihre Begegnung im Jahr 168 vor unserer Zeit ging als „Tag von Eleusis“ in die Geschichte ein. Frei erfunden sind die Gedanken des Popillius, denn die sind nirgendwo überliefert. Auch einige andere Details der Zusammenkunft entspringen dichterischer Freiheit. Dazu gehören beispielsweise der Auftritt des Herolds und Popillius’ letzte Bemerkung.

Hat Popillius tatsächlich einen Kreis um Antiochos gezogen, um ihn zu einer sofortigen Entscheidung zu zwingen? Die antiken Quellen berichten übereinstimmend, dass es so gewesen ist und begründen das mit dem schroffen Charakter des Popillius. „Der Gesandte“ versucht, diesen Charakter nachzuzeichnen. Aber vielleicht hat der Autor der Hauptquelle, der Grieche Polybios (ca. 200 – 120 v. Chr.), bei der Darstellung der Ereignisse auch einfach etwas übertrieben. Wer weiß?