Der letzte Volkstribun (1)

Der letzte Volkstribun (1)

27. September 2020 0 Von Daniel Bühler

Widerwillig erhob sich Pontius Aquila von der Bank der Volkstribune. Die anderen Tribune standen ebenfalls auf, um das zehnte und letzte Mitglied ihres Kollegiums zu begrüßen. Die Stimmen der Menschenmassen, die auf dem Forum von Rom auf den Triumphzug warteten, schallten über den Platz und die Luft war durchzogen vom Duft des Weihrauchs, der in den Tempeln verbrannt wurde. Die roten Dachziegel der neuen Basilica gegenüber leuchteten in der Sonne. Für Anfang Oktober war es recht warm, nur ab und zu zogen Wolken über den Himmel.

»Ventidius.« Aquila begrüßte den Neuankömmling mit grimmigem Gesicht.
»Du schaust wie drei Tage saurer Wein, Aquila«, sagte Ventidius mit einem spöttischen Ton in der Stimme. »Freu dich, heute ist der Tag des Triumphes!«
»Du bist doch nur eine seiner Kreaturen!« Bevor er sich beherrschen konnte, hatte Aquila den Satz ausgesprochen. Er zeigte zur Via Sacra zu ihrer Linken. Dort, am anderen Ende des Forums, wälzte sich der Triumphzug durch die Zuschauermassen in ihre Richtung. In seiner Mitte: der Tyrann!
Ventidius’ Züge verhärteten sich. Kurzzeitig schien es Aquila, dass der sich auf ihn stürzen wollte.
»Und wir sind viele. Also pass auf, Aquila!«
Einige Augenblicke lang funkelten sie sich an und die übrigen Tribune warfen ihnen besorgte Blicke zu.
»Lass es«, sagte Aquilas Kollege Tiberius. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und brachte ihn dazu, sich zu setzen. Ventidius nahm am anderen Ende der Bank Platz.

Die Bank der Tribune stand nahe der Baustelle des neuen Senatsgebäudes. Hier, auf dem alten Volksversammlungsplatz, hatte das Herz der Republik geschlagen. Vor ihnen bildeten die Menschen eine Gasse, durch die gleich der Triumphzug marschieren würde. Schräg rechts erhob sich das Kapitol mit dem Tempel des Jupiter. Dort war das Ziel des Triumphzuges. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und Aquilas Laune wurde immer düsterer. Ihm graute vor dem kommenden Schauspiel, das die siegreiche Schlacht des Tyrannen feierte.
Mittlerweile waren die Trompeter, die den Zug anführten, nur noch wenige Schritte entfernt. Sie hatten kurz Atem geholt, jetzt setzten sie ihre Instrumente wieder an. Die Trompeten schmetterten und die Zuschauer jubelten.
Auf die Trompeter folgten die Magistrate und die Senatoren; anschließend begann die Präsentation der erbeuteten Waffen, der Schätze und der Gemälde mit Schlachtszenen. Noch war das Gespann mit dem Tyrannen nicht zu sehen. Aquila biss die Zähne zusammen, sein Zorn und sein Entsetzen wuchsen. Die Zuschauer schrien ihre Begeisterung heraus: »Hurra, Triumph! Hurra!«
Dennoch war der Jubel verhaltener als bei anderen Triumphzügen, zumindest war das Aquilas Eindruck. Vereinzelt pfiffen die Leute sogar.

»Aquila, schau: Tränen. In der Öffentlichkeit!« Tiberius zeigte auf eine Frau, die schräg gegenüber in der ersten Reihe stand und sich verstohlen ein paar Tränen von den Wangen wischte. Aquila meinte, die Kratzer in ihrem Gesicht zu erkennen, die sie sich mit ihren Fingernägeln zugefügt hatte. Ihr Mann stand daneben, sein Blick war düster wie sein Bart schwarz. Aquila kannte ihn, er stammte aus einer alten Familie Roms.

»Sein Sohn hat für die anderen Seite gekämpft«, sagte er zu Tiberius. »Es heißt, er wollte sich ergeben. Aber die Legionäre haben keine Gnade gewährt.« Aquila ballte die Faust.
»Das ist ein Triumph über römische Bürger! Hörst du Ventidius?« Diesmal wollte sich Aquila nicht beherrschen. »Schande! Unsere Vorfahren wären entsetzt.«
»Wir feiern den Sieg über Hispanien.« Ventidius sah Aquila nicht an.
»Auf beiden Seiten kämpften Römer.«
»Diese Römer waren Verräter, sie haben die hispanischen Rebellen unterstützt.«
»Halt den Mund, du Maultiertreiber!«, brüllte Aquila. Ventidius war nur dank des Tyrannen Volkstribun geworden. Früher hatte er seinen Lebensunterhalt mit Maultieren und Schlimmerem verdient. Und jedermann in Rom wusste, was in Hispanien geschehen war: Dort war es zur letzten Schlacht zwischen den Legionen des Tyrannen und denen seiner Gegner gekommen. Aquila hatte überlegt, dort für die Republik zu kämpfen. Doch das Gesetz verbot es einem Volkstribun, Rom zu verlassen. Und Herkommen und Gesetz waren schon immer die Basis für die Größe des Volks von Rom gewesen.

Ventidius’ Antwort ging im Lärm der Zuschauer unter. Der Wagen des Triumphators war jetzt zu sehen. Von den Menschenmassen auf dem Forum beklatscht, befand er sich auf der Höhe der Aemilia, der zweiten Basilica, etwa 160 Schritte entfernt. Ihm voran gingen 72 Liktoren, die Amtsdiener in roten Kriegsmänteln. Ihre Rutenbündel waren mit Lorbeer umwickelt. Langsam näherten sie sich der Bank der Tribune.
»Wir dürfen das nicht hinnehmen«, sagte Aquila zu seinen Kollegen. »Das Volk von Rom beugt sich nicht vor dem Tyrannen.«
»Das Volk, Aquila, giert schon nach seinen Geschenken.« Ventidius lachte. »Es wartet auf Wein, Fleisch und Spiele nach dem Triumph.«
»Wir Volkstribune müssen ein Zeichen setzen. Dann erkennt auch das Volk, dass er ein Tyrann ist.« Aquila redete sich in Rage. Sie mussten irgendetwas tun. »Wer ist dabei?«
»Er wird die Diktatur niederlegen.« Ventidius betonte das letzte Wort.
Einige der anderen Tribune nickten. Wie zahlreiche seiner Freunde hatte auch Aquila die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Republik nach dem Ende des Bürgerkrieges wieder auferstehen könnte. Bis heute.
»Er hat unseren Respekt nicht verdient. Wir erheben uns nicht vor ihm.«
Aquila sah das Entsetzen in den Gesichtern seiner Kollegen. Ventidius schüttelte nur den Kopf. Jetzt war der Triumphwagen nicht mehr weit. Vier Schimmel zogen den mit Lorbeer geschmückten Wagen.
»Was sagt ihr?« Aquila hatte sich erhoben, gestikulierte mit den Armen. »Wir sind Volkstribune. Wir stehen seit Jahrhunderten für die Freiheit des römischen Volkes ein.«
»Wer sich gegen ihn stellt«, sagte Ventidius, »ist politisch erledigt. Ihr wollt doch alle mal Prätor werden, vielleicht sogar Konsul. Ein Kommando im nächsten Krieg; Beute machen. Ist es nicht so?«
»Er hat recht«, sagte Tiberius. »Wenn wir ihn beleidigen, werden wir nie wieder ein Amt erhalten. Wenn uns nicht Schlimmeres blüht.«
»Du fürchtest also schon die Rache des Tyrannen.« Aquila ließ sich auf die Bank zurückfallen.
»Ich meine nur … Es könnte riskant sein.«
»Er macht uns zu Dienern. Das ist eines Römers unwürdig«, brüllte Aquila und einer der Liktoren drehte ihm im Vorbeigehen den Kopf zu.

Der Lärm wurde unerträglich. In diesem Augenblick erreichte der Triumphwagen die Bank der Tribune. Wie alle Triumphatoren seit Jahrhunderten war der Tyrann in eine purpurne Toga gehüllt und trug einen Lorbeerkranz auf dem Kopf. In der rechten Hand hielt er einen Lorbeerzweig, in der linken ein Elfenbeinzepter mit einem Adler. Das Gesicht des Mannes war rot gefärbt – die Farbe Jupiters, doch Aquila sah das Blut römischer Bürger vor sich, das der Tyrann vergossen hatte. Ein Staatssklave hielt einen weiteren Kranz, golden und mit Edelsteinen besetzt, über den Kopf des Triumphators. So wie es Sitte war, flüsterte er ihm unentwegt einen Satz ins Ohr: »Denke daran, dass du ein Mensch bist«. Ob der Tyrann ihn hörte?
Die Menschen klatschten und brüllten. Ventidius erhob sich als erster der Tribune. Dann der nächste und der nächste. Nach kurzem Zögern auch Tiberius neben ihm. »Ich kann nicht«, murmelte er. »Es tut mir leid.« Nur Aquila saß noch.

Der Triumphwagen hielt an. Die Räder befanden sich auf Aquilas Höhe, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Die vier Schimmel schnaubten und scharrten mit den Hufen. Jeder auf dem Forum und in dem Zug – so schien es Aquila – starrte ihn an. Der Blick des Tyrannen war wie ein Sog – erhebe dich! Wie sollte Aquila widerstehen? Seine Augen suchten die Frau, die um ihren Sohn geweint hatte. Da war sie, beinahe verdeckt von einem der Pferde. Ihre Tränen waren getrocknet, doch in ihrem Blick lag Hoffnung. Aquila sah dem Tyrannen in die Augen – und blieb sitzen.

Empörung und Zorn legten sich auf das zuvor unbewegte Gesicht des Tyrannen. Die Menschen um sie herum bemerkten es, verstummten. Das Forum, ja die Stadt schien in Schweigen zu versinken.

»Dann, Aquila, Tribun«, rief der Tyrann in die Stille. »Dann hol dir doch die Republik von mir zurück.«

Der Lärm erhob sich von neuem, die Leute brüllten, johlten, pfiffen, jubelten. Nach einem Moment setzte sich der Wagen in Bewegung und bog nach wenigen Schritten in den Weg ein, der zum Kapitol hinauf führte. Aquila starrte vor sich hin, nahm kaum die übrigen Teilnehmer des Zuges wahr, die auf den Triumphwagen folgten. Er war erschöpft, aber es war auch eine Last von seinen Schultern gefallen.
Der Tyrann hatte sein Gesicht gezeigt; hatte offenbart, dass er seine Macht nicht mehr abgeben würde. Zumindest nicht freiwillig.

Nach dem Ende des Zuges beschloss Aquila, nach Hause zu gehen. Das ganze Schauspiel, das auf den Umzug folgte, widerte ihn an, die Opfer an die Götter, die Bewirtung der Leute auf Kosten des Tyrannen, die feiernden Menschen. Aquila verließ das Forum und nachdem er einige Schritte gegangen war, ebbte der Lärm der Feierlichkeiten ab. Kaum war er in eine menschenleere Gasse abgebogen, traten zwei Senatoren in Toga zu ihm. Aquila kannte die beiden und begrüßte sie.

»Tribun.« Der größere und hagere der beiden Männer eröffnete das Gespräch. »Du hast dich wie ein wahrer Römer verhalten.«
»Ein Tyrann wird sich davon nicht umstimmen lassen, genausowenig wie von Worten.« Aquila schüttelte den Kopf.
»Das will Brutus ja nicht wahrhaben«, sagte der Hagere und legte seinem Begleiter die Hand auf die Schulter.
»Die Republik darf nicht untergehen, Cassius.« Aquila ergriff Cassius’ Arm. »Wir müssen handeln. Gegen den Tyrannen, zu dem Julius Cäsar geworden ist.«

***

Zur Geschichte:

Pontius Aquila ist eine historische Persönlichkeit, die im ersten Jahrhundert vor unserer Zeit lebte und vermutlich aus Sutrium, dem heutigen Sutri, stammte. Der römische Schriftsteller Sueton berichtet, dass sich Aquila als einziger der Volkstribune nicht erhob, als Julius Cäsar Anfang Oktober 45 v. Chr. in seinem Triumphzug die Bank der Tribune passierte. Dies war ein Affront, gerade in einer Kultur wie der römischen, in der Gesten und Symbole eine große Bedeutung hatten. Man schuldete aber nicht nur einem Triumphator den Respekt, sich vor ihm zu erheben, sondern auch anderen hohen Magistraten und seinen Amtskollegen, wie zu Beginn der Geschichte gezeigt. Caesars Replik wird meist so wie von Dietmar Schmitz übersetzt: »Dann fordere du Aquila, Tribun, von mir auch das Gemeinwesen zurück.« Das mag die genaueste Übersetzung sein, ich habe sie aus dramaturgischen Gründen geringfügig geändert: »Repetere«, dt. »zurückfordern«, kann auch mit »zurückholen« übersetzt werden.

Cäsar hatte im Bürgerkrieg seit 49 v. Chr. die Macht in der römischen Republik erobert. Im Jahre 46 v.Chr. hatte er sich die Diktatur für zehn Jahre übertragen lassen, die ursprünglich ein auf sechs Monate begrenztes Notstandsamt war. Im Februar 44 v. Chr. übernahm er die Diktatur auf Lebenszeit.

Die Gedanken des Aquila sind fiktiv. Wenn er Cäsar als Tyrann bezeichnet, dann heißt das nicht, dass der das Volk unterdrückte. Im Gegenteil, die einfache Bevölkerung der Stadt Rom hat von der Freigiebigkeit Cäsars profitiert, der beispielsweise Miet- und Zinserlasse, Getreideverteilungen und Volksspeisungen veranlasste. Doch Cäsar hatte die Macht in einem Bürgerkrieg an sich gerissen und übte sie widerrechtlich und entgegen den republikanischen Traditionen als Alleinherrscher aus. Damit war Cäsar aus Sicht der alten republikanischen Führungsschicht ein Tyrann. In der Republik hatte der Senat und in diesem wiederum die einflussreichsten Familien die Politik bestimmt.

Das Amt des Volkstribuns blieb bis in die Kaiserzeit hinein bestehen, wurde jedoch politisch bedeutungslos. In der Stadt Rom hatten die Volkstribune zur Zeit der Republik die Macht, durch ihr Veto, Maßnahmen der anderen Magistrate zu verhindern und Bürger vor Übergriffen der Magistrate zu schützen.

Sueton berichtet nur knapp von Aquilas Handeln und Cäsars Replik. Der erzählerische Rahmen dieser Geschichte ist daher fiktiv, ebenso wie Aquilas Kollege Tiberius und die trauernden Eltern. Auch Aquilas Begegnung mit Gaius Cassius und Marcus Junius Brutus nach dem Triumphzug ist erfunden. Cassius war später der Initiator der Verschwörung gegen Cäsar, der an den Iden des März 44 v. Chr. ermordet wurde. Unter den Verschwörern befand sich auch Pontius Aquila.