Erzählte Zeit

Erzählte Zeit

30. Juni 2024 0 Von Daniel Bühler

Jahre des Gähnens oder Minuten der Atemlosigkeit? Einige Gedanken zum Thema erzählte Zeit.

Geschichten können in einem Zeitraum von wenigen Stunden spielen oder sich über Jahre, sogar Jahrzehnte hinziehen. Man nennt das die erzählte Zeit. Im Gegensatz dazu steht die Erzählzeit, der Zeitraum, der benötigt wird, um die Geschichte zu erzählen. Ein Film, der zwei Stunden dauert (Erzählzeit) kann durchaus eine Geschichte erzählen, die Jahrzehnte umspannt.

Die erzählte Zeit hängt natürlich immer von der Geschichte ab, die man erzählen möchte: manche benötigen nur wenige Stunden oder Tage, um ihre Protagonisten zu ihrem Ziel zu führen – oder sie scheitern zu lassen. Andere benötigen mehr erzählte Zeit. Man kann nicht pauschal sagen, dass die eine oder die andere Variante besser ist. Letztlich ist das auch Geschmackssache und die Frage in der Unterzeile bewusst etwas provokant gestellt.

Oft sind mir jedoch die kompakteren Stories, die zeitlich nicht zu sehr ausufern, lieber als die Erzählungen, die Jahre oder gar Jahrzehnte umspannen. Eine Geschichte, die nur wenige Stunden oder einige Tage dauert, kann gerade aufgrund der Gedrängtheit der Zeit einen enormen Sog erzeugen und eine Dramatik und Spannung besitzen, die den Leser oder das Publikum atemlos zurücklässt. Wie etwa die Echtzeit-Serie 24 – Twenty Four, in der jede der vierundzwanzig Folgen innerhalb einer Stunde eines Tages spielt.

Nun liebe ich epische Geschichten. Aber auch die müssen nicht ausufern und Jahrzehnte umfassen. Der Trojanische Krieg soll dem Mythos zufolge zehn Jahre gedauert haben. Die Ereignisse, von denen die Ilias erzählt, der Zorn des Achilles, spielen jedoch an nur 51 Tagen am Ende des neunten Kriegsjahres.

Die Haupthandlung in Der Herr Ringe dauert, trotz der ganzen Vorgeschichte, ein knappes Jahr (ohne das dramaturgisch etwas fragwürdige Anhängsel am Ende, die Befreiung des Auenlandes). Das ist eine erzählte Zeit, die ich für diese Geschichte als angemessen empfinde und die für mich nicht ausufernd ist.

Beispiele aus dem Bereich des Films für eine kurze erzählte Zeit: Der original Star Wars (Episode IV), Training Day, Collateral.

Womit ich wirklich Probleme hatte, sind etwa Der Medicus und ein anderer Mittelalterromane einer bekannten deutschen Autorin. Da habe ich gedacht, muss die mir jetzt das ganze Leben des Protagonisten erzählen. Ich will eine gute Story und keine verdammte Lebensgeschichte!

Beides schließt einander prinzipiell nicht aus. Aber meiner Meinung nach erzählen gute Stories (meist) kein ganzes Leben. Sondern einen besonderen Abschnitt daraus.

Denn Geschichten berichten von außergewöhnlichen Ereignissen – sonst wären sie nicht erzählenswert. Außergewöhnliche Ereignisse aber beanspruchen per definitionem viel weniger Zeit als gewöhnliche. So betrachtet erscheint es logisch, dass spannende Ereignisse auf einen kurzen Zeitraum begrenzt sind. Ein Zweikampf, ein Rededuell, eine Enthüllung oder eine Liebeserklärung dauern eben nicht lange. Die finale Entscheidung des Protagonisten auch nicht.

Natürlich picken sich auch die Geschichten, die eine lange erzählte Zeit haben, immer die Momente heraus, in denen etwas außergewöhnliches passiert. Aber je länger die Zeit, die dazwischen liegt, desto schwerer ist ein Wiedereinstieg, der Leser muss immer wieder aufs Neue hineingezogen wird. Oder nicht? Wann ist eine Geschichte beendet, wann beginnt eine neue?

Wie handhabe ich das bei meinen eigenen Geschichten? Mein erster Roman spielt innerhalb von drei Monaten. Die dramatischen Ereignisse beanspruchen nur eine kurze erzählte Zeit; die dazwischen liegende Zeit, die die Protagonisten beispielsweise brauchen, um bestimmte Handlungsorte zu erreichen, lasse ich in der Erzählung natürlich weg.

Die Haupthandlung meines zweiten Romans spielt im Wesentlichen an zwei Tagen. Beide Geschichten sind fast fertig, ich hoffe, sie bald veröffentlichen zu können.

Doch davor möchte ich in diesem Jahr eine Sammlung von Römergeschichten veröffentlichen. Darin wird eine Erzählung enthalten sein, die eine erzählte Zeit von einundzwanzig Jahren umfasst. Krass lange, oder?

Die Geschichte baut allerdings auf Berichten des römischen Historikers Livius auf. Die dramatische Entscheidung des Protagonisten am Ende der Geschichte ist nur verständlich, wenn man zwei vorangegangenen Ereignisse in seinem Leben zwanzig Jahre zuvor kennt. Die Geschichte erfordert also eine insgesamt lange erzählte Zeit. Die einzelnen Episoden innerhalb dieser einundzwanzig Jahre aber dauern nur Minuten bis wenige Stunden.

Wie seht ihr das? Habt ihr euch darüber schon einmal Gedanken gemacht? Habt ihr eine bevorzugte erzählte Zeit?