Tiberius und die heiligen Hühner Roms

Tiberius und die heiligen Hühner Roms

2. Juni 2019 3 Von Daniel Bühler

Als Tiberius bemerkte, dass die heiligen Hühner den Brei bereits aufgefressen hatten, erbleichte er. Jetzt steckte er in Schwierigkeiten, noch viel schlimmer als letztes Jahr! Da hatten ihn Servius und seine Freunde – immer auf der Suche nach Jüngeren, die sie verprügeln konnten – durch mehrere Gassen Roms gejagt.

Ihm wurde schwindlig und er musste sich mit einer Hand auf den rauen Planken des Zwischendecks abstützen. Heute Morgen war der Seegang nur mäßig, sodass der riesige Fünfruderer sanft auf den Wellen schaukelte und nur ab und zu ein Knarzen von sich gab. Die Schreie einiger Möwen, die wohl wie so oft über dem Schiff kreisten, drangen zu Tiberius herab.

Der Geruch des Meerwassers vermischte sich hier unten mit dem Schweißgeruch der Ruderer. Die meisten von ihnen waren Bürger aus verbündeten Städten weit südlich von Rom, und sie sprachen so schlecht Latein, dass er sie kaum verstehen konnte. Die Reihen der Ruderbänke und Schemel, auf denen die Männer saßen, befanden sich nur wenige Schritte vor ihm. Nach dem nächtlichen Anmarsch der Flotte sammelten die Ruderer gerade ihre Kräfte für die Schlacht.

Im Hintergrund war Gaius’ Schnarchen zu hören, der auf einem Stapel aus altem Segeltuch an der Bordwand lehnte und einen leeren tönernen Weinkrug im Arm hielt. Wie eine Geliebte, dachte Tiberius. Einen Moment lang glaubte er den Abschiedskuss wieder zu spüren, den ihm Fabia, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, auf die Wange gedrückt hatte, bevor sie schnell zu ihren Eltern gelaufen war. Das war sein erster Kuss überhaupt gewesen und Tiberius war rot geworden.

Dann aber gab eine seiner beiden Hennen – Tullia – einen leisen, kehligen Laut von sich. Die andere hatte er Claudia genannt und beide besaßen Gefieder so schwarz wie das eines Raben. Das Geräusch holte Tiberius aus seinen Gedanken und seine Augen füllten sich mit Tränen. Oh nein, oh nein! Solch ein Fehler gleich in seinem ersten Jahr als Bediensteter eines Magistrats. Sie würden ihn grün und blau prügeln, so wie es sein Vater getan hatte, als Tiberius eine ganze Amphore mit Wein hatte fallen lassen. Oder sie würden ihn gleich umbringen.

Ja, er hatte die Hühner aus dem Käfig gelassen. Aber sie taten ihm leid, sie brauchten doch ein wenig Auslauf, der Käfig war so klein. Deswegen hatte er sich vom Schiffszimmermann altes Holz geben lassen und ein kleines provisorisches Gehege um den Käfig herum gebaut. So hatten die Hühner wenigstens etwas Bewegung. Doch dann war er eingeschlafen und die Tiere hatten sich über die Schale mit dem Getreidebrei hergemacht, hatten sie halb leer gefressen. Natürlich hatten sie lange nichts mehr bekommen, sie sollten doch bei der Erkundung des Götterwillens schön hungrig sein. Aber er war einfach so müde gewesen. Und was konnte er dafür, wenn dieser alte Esel Gaius, der ihn seit ein paar Monaten anlernte, immer so viel trinken musste?

„Junge!“ Eine raue Stimme riss Tiberius aus seinen Gedanken. Einer der Rudergänger, ein gedrungener Kerl mit Unterarmen größer als Tiberius’ Oberschenkel, war die steile Treppe vom Oberdeck herabgestiegen. „Die Schlacht steht bevor. Der Konsul braucht das Omen, wo bleibst Du?“

Tiberius wurde beinahe schlecht vor Angst. „G … Gaius“, stammelte er schließlich, „er, … er ist betrunken.“

„Wie jeden Morgen.“ Der Rudergänger lachte. „Und jeden Abend. Wofür haben wir zwei Hühnerwärter? Na los.“ Er nahm die Schale mit dem Brei und stellte sich neben die Treppe, um Tiberius vorgehen zu lassen.

Die beiden Hühner saßen träge vor ihrem Käfig und sie wirkten auf Tiberius so vollgefressen wie der Patron seines Vaters bei einem Festmahl. Es half nichts. Vorsichtig nahm er sie, schob sie in den Käfig und schloss die Tür. Er versuchte sich zu beruhigen, sie würden bestimmt noch etwas fressen. Sie mussten einfach fressen!

Tiberius wuchtete den Hühnerkäfig über die Stufen nach oben. Für sein Alter von fünfzehn Jahren war er eher schmächtig, aber mittlerweile kam ihm der Käfig nicht mehr ganz so schwer vor wie noch vor ein paar Monaten. Er blinzelte, als er das Deck betrat, das Licht war trotz der frühen Stunde schon grell und wurde vom Wasser reflektiert. Der Wind fuhr ihm durch die Haare, irgendwo brüllten Männer Befehle und entfernt war die Brandung zu hören.

„Rom bezahlt dich nicht fürs Faulenzen, du Plebejer-Bengel.“ Der Konsul Publius Claudius, genannt der Hübsche, stand im Heck des Schiffes unter der hohen, bogenförmigen Heckverzierung, nur wenige Schritte vom Aufgang entfernt. Bei ihm waren der Trierarch, der immer so mürrisch guckte, als ob sein Schiff kurz vor dem Untergang stünde, der Steuermann, ein Tribun, der Flottenzenturio und noch ein paar Bedienstete. Obwohl es schon recht warm war, bekam Tiberius eine Gänsehaut, als er den Blick des Konsuls bemerkte.

„Die Götter segnen den Tag, an dem Roms Jugend endlich zu Verstand kommt.“ Publius Claudius hatte ebenmäßige Gesichtszüge, dunkle Augenbrauen und trug einen blank gewienerten bronzenen Brustharnisch. Sein roter Feldherrnmantel schien vor lauter Angst so wenig Falten wie möglich zu schlagen. Der Konsul war zwar nur von durchschnittlicher Größe, doch Tiberius hatte den Eindruck, dass alle Untergebenen wie von selbst kleiner wurden, wenn er sie ansah. So auch der großgewachsene Tribun, der an ihn herantrat. „Konsul. Entermannschaften bereit. Katapulte geladen. Signal von der Flotte: Alle Schiffe klar zum Gefecht.“

Publius Claudius nickte und ließ seinen Blick schweifen. Auch Tiberius sah sich um. Bis zum Vorschiff standen die Seesoldaten in mehreren Reihen auf dem Deck. Sie trugen Schilde und Wurfspeere und ihre Helmfedern wehten im Wind. Einer von ihnen erhielt von dem Seemann, der immer als Salber Dienst tat, noch schnell etwas Olivenöl gegen die Sonne. Der Mast war auf der Mitte des Decks niedergelegt worden. Aufgereiht zur Rechten ihres Flaggschiffs dümpelten fast 200 weitere Fünfruderer, den Bug seewärts, im Rücken die Küste Siziliens. In der Ferne war die punische Seefestung Drepanum zu erkennen.

Voraus auf See, ihren Schiffen gegenüber, wartete die Flotte der Punier. Tiberius schluckte und vergaß für einen Moment die Hühner. Die Punier waren geübte Seefahrer und grausame Menschen. Sie würden alle Römer umbringen, wenn sie konnten. Den Steuermann und einen der Rudergänger schien jedoch noch etwas anderes zu beunruhigen. Mehrfach sahen sie sich um, blickten zur Küste und machten düstere Gesichter. Das Ufer war tatsächlich recht nah, wie Tiberius fand, das Rauschen der Brandung war bis hierher zu hören.

Schließlich wandte sich der Trierarch an Publius Claudius. „Konsul, die Küste …“

„Jetzt, Trierarch, ist die Zeit gekommen, die Punier zu vernichten.“ Der Konsul hatte den Trierarchen nicht mal angesehen. Er wirkte erwartungsfroh – und ungeduldig. „Die Götter sind uns wohlgesinnt, das werden uns die heiligen Hühner bestätigen.“ Publius Claudius fixierte Tiberius. „Junge.“

Tiberius schluckte, es war soweit. Mit zitternden Händen setzte er den Käfig ab. Der Rudergänger, der ihn geholt hatte, stellte den Topf mit dem Brei daneben ab. Wieder versuchte sich Tiberius Mut zu machen. Die Hühner hatten doch eigentlich immer Hunger. Sie mussten jetzt einfach fressen und dem Konsul das gewünschte Zeichen geben.

„Na los, lasst mich nicht im Stich“, murmelte Tiberius. Er öffnete den Käfig und hielt die Schale mit dem Brei davor. Tullia und Claudia sahen ihn nur an. Bewegten sich nicht. „Kommt schon.“ Tiberius trat ein Stück näher an den Käfig, rührte mit dem Finger im Teig, klopfte gegen die Schale. Aber die Hühner rührten sich nicht. Gemurmel erhob sich um Tiberius. Beunruhigtes Gemurmel.

Noch einmal versuchte es Tiberius, rüttelte am Käfig. Bitte, bitte, ihr müsst fressen. Der Klos in seinem Hals wurde immer dicker und seine Augen füllten sich mit Tränen. Da! Endlich – eine der Hennen stakste aus dem Käfig. Der Rudergänger seufzte erleichtert. Doch das Huhn, es war Claudia, sah nur kurz auf den Brei – und wandte sich ab. Dann streckte es das rechte Bein und spreizte einen Flügel. Der Trierarch stöhnte.

„Die Hühner fressen nicht.“ Tiberius wusste nicht, wem die Stimme gehörte, doch sie war voller Angst. Einer der Rudergänger war bleich geworden. Aus den Reihen der Seesoldaten und Matrosen erhob sich ein aufgeregtes Flüstern „Ein schlimmes Zeichen … Die Götter zürnen uns … Die Schlacht … Wir werden vernichtet …“

„Ruhe!“, brüllte der Flottenzenturio und augenblicklich herrschte Stille. Doch auch in seiner Stimme meinte Tiberius ein ganz leichtes Zittern zu hören.

„Was ist los?“ Publius Claudius war an Tiberius herangetreten und sah auf ihn herab. Tiberius schluckte, seine Hände zitterten. Schnell wischte er sich die Tränen aus dem Augenwinkel. Er durfte jetzt nicht anfangen zu weinen.

„Sie … sie sind satt.“ Endlich brachte Tiberius ein paar Worte zustande, doch er schaffte es nicht, den Konsul dabei anzuschauen.

„Satt?“

„Eingeschlafen. Ich … ich bin eingeschlafen und sie haben sich über den Brei hergemacht.“

Es klatschte und für einen Moment sah Tiberius schwarz. Sein Kopf dröhnte und seine Wange brannte. Der Konsul hatte ihm eine Ohrfeige verpasst. Wieder schossen Tiberius die Tränen in die Augen.

„Die Hühner fressen, wann ich es will“, sagte Publius Claudius und wirkte ziemlich beleidigt. Nach einem Moment legte er seine Stirn in Falten, er schien nachzudenken. Auch Tiberius überlegte, was er tun könnte. Ein Blick auf seine Hühner sagte ihm jedoch, dass sie tatsächlich so schnell nicht anfangen würden zu fressen. Ein kräftiger Windstoß fuhr Tiberius durch die Haare und der Fünfruderer hob und senkte sich auf zwei, drei etwas größeren Wellen. Das Holz des Schiffes knarzte.

Tiberius nahm all seinen Mut zusammen. „Und wenn es ein Zeichen der Götter ist?“, sagte er. „Also, dass ich eingeschlafen bin.“ Seine Stimme zitterte, aber vielleicht hatte das, was passiert war, ja etwas zu bedeuten. Was, wenn die Götter tatsächlich … ?

„Es ist ein Zeichen, dass du ein Taugenichts bist und ich dich an die Haie verfüttern sollte.“ Publius Claudius drehte sich zu seinem Zenturio um und zeigte wortlos auf dessen Stock. Gleich würde es richtig wehtun.

„Vielleicht …“, Tiberius’ Stimme zitterte, sodass er Schwierigkeiten hatte zu sprechen. „Vielleicht wollen die Götter, dass wir die Schlacht verschieben …“

„Junge, wir bestimmen, was die Götter wollen.“ Claudius hatte die Stimme gesenkt. Für einen Moment dachte Tiberius, er würde ihn wieder ohrfeigen, doch der Konsul sah ihn nur mit einem durchdringenden Blick an. Den Stock, den ihm der Zenturio hinhielt, ignorierte er zum Glück für den Moment.
„Ich“, fuhr Publius Claudius fort, „ich bestimme den Willen der Götter. Jetzt ist die Gelegenheit, die Punier zu vernichten. Die Männer gieren nach Beute, Rom will den Sieg. Und mein Ruhm wird es sein, das zu vollbringen.“

„Konsul“, sagte da der Tribun mit grimmigem Gesicht. „Wir sollten den Burschen einfach auf den Rammsporn binden.“

„Gute Idee, Tribun. Opfern wir den Bengel den Göttern der Unterwelt.“

Oh nein, das konnten sie doch nicht machen. Der Konsul schien erneut zu überlegen. Was sollte Tiberius nur tun? Da sah er, dass eines der Hühner versuchte, etwas Wasser zu trinken, das sich in der Vertiefung einer Planke gesammelt hatte. Vielleicht war kurz zuvor das Deck geschrubbt worden.

„Ich glaube, Claudia hat Durst.“ Tiberius hatte die Worte ausgesprochen ohne nachzudenken.

„Du benennst ein Huhn nach meiner Familie?“

Schon wieder hatte er etwas Törichtes gesagt. „Ich äh, … sie ist halt sehr hübsch – also für ein Huhn.“ Noch dümmere Antwort! „Ich meine, vielleicht ist es ja auch ein gutes Zeichen, wenn sie trinken.“

Natürlich wusste Tiberius, dass es nur als wohlwollendes Zeichen der Götter galt, wenn die Tiere so gierig fraßen, dass ihnen das Futter links und rechts wieder aus dem Schnabel fiel. Deswegen hatte sein Lehrmeister Gaius, wenn er denn mal nüchtern gewesen war, immer darauf geachtet, dass Tiberius den Brei so anrührte, dass er die richtige Konsistenz dafür hatte. Aber er wusste nicht, was er noch sagen sollte. Der Tribun gab zwei Seeleuten ein Zeichen – einer von ihnen hatte einen dicken Strick in der Hand. Sie wollten ihn tatsächlich auf den Rammsporn binden.

„Junge!“ Publius Claudius sah ihn an. Musste er jetzt sterben? Doch plötzlich lächelte der Konsul. „Du hast gerade deine Plebeier-Haut gerettet, Junge.“

Mit einem schnellen Schritt war Publius Claudius bei den Hühnern und packte sie an den Hälsen. Die Tiere schrien vor Schreck und schlugen mit den Flügeln, doch Claudius ließ sie nicht los. Für alle sichtbar, hielt er sie hoch. Aber was machte er denn da? Es sollte sie loslassen!

„Wenn sie nicht fressen wollen“, rief der Konsul, sodass es jeder hören konnte, „dann sollen sie trinken!“

Bevor Tiberius reagieren konnte, warf Publius Claudius die Hühner über Bord.

„Meine Hühner!“, rief Tiberius und stürzte zur Bordwand. Der Seegang war etwas stärker geworden. Panisch schlugen die Tiere mit den Flügeln, doch das machte alles nur noch schlimmer. Durch einen Schleier von Tränen sah Tiberius, wie eines der Hühner, es musste Claudia sein, von einer Welle verschluckt wurde, wieder an die Oberfläche kam und dann erneut verschwand. Auch Tullia war plötzlich weg.

„Die Götter akzeptieren das Opfer.“ Nur undeutlich vernahm Tiberius die Stimme des Tribuns hinter sich.

„Angriff!“, sagte Claudius mit ungeduldiger Stimme.

Tiberius weinte und durch die Tränen sah er noch ein paar Federn auf der Wasseroberfläche. Die Riemen tauchten ein, wurden durchgezogen und das Schiff setzte sich in Bewegung.

***

Gleich nach dem Ende der Volksversammlung begann es zu regnen. Doch die meisten der Leute, die dicht gedrängt auf dem Forum standen, blieben noch. Der Wind blies Tiberius die Tropfen ins Gesicht und die Luft roch nach Regen. Seine rechte Hüfte, da wo ihn letztes Jahr vor Drepanum der Pfeil eines Puniers gestreift hatte, schmerzte wieder etwas, doch Tiberius sagte sich immer wieder, dass Fortuna auf seiner Seite gewesen war.

Auch er beschloss noch zu bleiben. Wie die meisten hoffte er, einen Blick auf Publius Claudius werfen zu können. Plötzlich begannen die Leute zu pfeifen. Obwohl Tiberius im letzten Jahr wieder etwas gewachsen war, waren die meisten Menschen hier immer noch größer als er und versperrten ihm die Sicht. Aber da! Für einen Moment hatte er ihn zwischen zwei Köpfen hindurch gesehen. Publius Claudius schritt von vielen seiner Freunde und Klienten begleitet über das Forum.

„Mörder“, kreischte eine Frau und andere stimmten mit ein. Zwei Frauen jammerten, warfen sich zu Boden, zerrauften sich die Haare. Vielleicht waren das die Mütter einiger der Seesoldaten oder auch eines Ruderers. Sie taten Tiberius leid. „Verfluchen sollen dich die Götter, Claudius!“, rief ein alter Mann mit dünner Stimme.

Tiberius fröstelte als er wieder an die Seeschlacht vor Drepanum dachte. Die Schreie der Verwundeten und der Ertrinkenden, der Qualm eines brennenden Schiffes; die Hand eines Menschen, die aus dem Wasser gereckt wurde und dann versank. Tiberius schluckte; die Punier hatten die schnelleren Schiffe gehabt – und sie waren grausam gewesen. Soweit er wusste, waren beim Untergang der Flotte tausende Menschen gestorben, noch mehr hatten die Punier gefangengenommen und versklavt. Als eines der wenigen Schiffe hatte ihr Flaggschiff entkommen können. Wieder dankte Tiberius den Göttern, dass er überlebt hatte.

Mittlerweile lernte Tiberius bei einem Steinmetz und dachte nicht mehr so oft an die Geschehnisse. Er besaß auch wieder Hühner, um die er sich jeden Tag kümmerte. Manchmal begleitete ihn Fabia. Aber als er damals nach der Schlacht nach Rom zurückgekehrt war, waren die Leute wütend gewesen auf den Konsul, das Wehklagen vieler Frauen war in den Straßen zu hören gewesen.

Weil so viele Menschen trauerten, war Publius Claudius vor einigen Wochen vor der Zenturienversammlung des römischen Volkes angeklagt worden. Sein Nachfolger als Konsul hatte die Abstimmung geleitet.

„Eine Schande“, sagte eine Frau neben Tiberius. Sie hatte eingefallene Wangen und hielt sich gegen den Regen ein Tuch über den Kopf. „Er hätte zum Tode verurteilt werden müssen.“

„Was weißt du von Volksversammlungen, Weib?“ Ihr Mann hatte einen dichten Bart, in dem das Grau langsam die Oberhand gewann.

„Vielleicht brauchen wir ja eine Weibervolksversammlung“, sagte eine junge Frau mit schmaler Nase neben ihnen. Offenbar die Tochter der beiden; ihr Vater verpasste ihr eine Ohrfeige.

„Sie haben ihn damals einfach gehen lassen“, sagte seine Frau. Tiberius konnte die Verzweiflung in ihrer Stimme hören.

„Wenn die Auguren sagen, dass ein Gewitter ein schlechtes Omen ist, dann muss die Versammlung eben abgebrochen werden.“

Die Frau schwieg und Tiberius schüttelte den Kopf. Natürlich hatten die Auguren das gesagt. Sie wussten ja, was sie zu tun hatten. Im Gegensatz zum ehemaligen Hühnerwärter Tiberius vor Drepanum.

Schließlich hatten zwei Volkstribune den Publius Claudius erneut angeklagt. Diesmal vor der Plebejer-Versammlung. Und die war vor Kurzem auf der Versammlungsstätte zwischen der großen Rednertribüne und dem Haus des Senats beendet worden. Tiberius hatte noch nicht mitabstimmen dürfen. Aber er hätte wahrscheinlich sowieso keinen Platz gefunden, so groß war der Andrang gewesen. Das Ergebnis hatte sich sogleich unter den Leuten verbreitet: Publius Claudius war für schuldig erklärt worden. Schuldig am Verlust der Flotte und am Tod so vieler Menschen. Doch die Plebejer-Versammlung konnte kein Todesurteil fällen.

„Weiß jemand, wie hoch die Geldstrafe ist, die Claudius bezahlen muss?“, fragte der Bärtige die umstehenden Leute, doch keiner wusste eine Antwort.

„Neue Schiffe werden sie damit bauen können“, sagte seine Frau und fing an zu weinen.

Tiberius schlich sich davon. Um besser sehen zu können, kletterte er auf den Holzzaun um ein uraltes, kleines Heiligtum. Und da war Publius Claudius, gar nicht weit entfernt! Er würdigte die Menschen um ihn herum keines Blickes. Doch was war das? Er hatte Tiberius auf dem Zaun bemerkt, fixierte ihn mit seinem Blick, wie damals auf dem Fünfruderer. Jetzt kam er auf ihn zu.

Oh nein! Tiberius musste schnell weg, Claudius wollte ihn bestimmt umbringen. Weil er mit den Hühnern versagt hatte. Claudius’ Freunde würden es sicherlich für ihn tun, vielleicht ein Klient, der Claudius etwas schuldete und für seinen Patron auch einen Mord begehen würde. Ein Dolch verborgen unter der Tunika, schnell gezückt. Tiberius sprang vom Zaun. Doch er stolperte über seine Füße, schlug sich das Knie auf dem Pflaster auf.

„Junge!“, rief Publius Claudius. Trotz ihrer Wut verstummten viele Leute in seiner Gegenwart, machten ihm den Weg frei. Manche senkten die Köpfe. Nur vereinzelt waren Pfiffe und Schmähungen zu hören.

Tiberius rappelte sich auf, aber in diesem Moment erwischte ihn jemand hinten am Halsausschnitt seiner Tunika. Tiberius spürte den Stoff, der in seine Kehle drückte, hörte das Reißen von Nähten; sie hatten ihn. Vor Angst und Verzweiflung schlug Tiberius um sich, doch zwei weitere Männer kamen dazu und hielten ihn fest. Einer von ihnen sah ihn aus schmalen Augen an. Tiberius wollte um Hilfe schreien, einen Volkstribun rufen oder einen anderen Bürger, doch er bekam keinen Ton heraus. Regentropfen und Tränen liefen über sein Gesicht. Die Leute bildeten einen Kreis und Claudius trat zu Tiberius.

„Junge“, sagte er nochmals und legte die Hand auf Tiberius’ Schulter. Tiberius begann zu zittern, schluckte. Wer konnte ihm jetzt noch helfen? Von einem der nahen Tempel kam der Geruch von Weihrauch.

Publius Claudius sah Tiberius in die Augen. Der ehemalige Konsul war immer noch eine einschüchternde Erscheinung. Und doch wirkte sein Blick irgendwie leer. „Du hattest recht“, sagte Publius Claudius. „Du warst das Zeichen der Götter. Ich hätte besser auf dich gehört.“

Er wandte sich ab; seine Leute ließen Tiberius los und begleiteten Publius Claudius Richtung Heilige Straße. Wieder machten ihm die Menschen sogleich Platz. Wie der Bug eines Schiffes das Wasser – so zerteilte er das Volk. Doch kaum waren er und seine Freunde vorüber, verschluckte ihn die Menschenmenge wieder. Wie das Meer ein Schiff, dachte Tiberius. Durch einen Schleier von Regen sah der Junge ihm nach.

 

Zur Geschichte:

Die Seeschlacht von Drepanum im Westen Siziliens (heute: Trapani) fand im Jahre 249 vor unserer Zeit statt. Sie war damit Teil der Auseinandersetzungen zwischen Rom und Karthago im Ersten Punischen Krieg (264 – 241 v. Chr. Die Römer bezeichneten die Karthager als Punier). Der befehlshabende Konsul Publius Claudius Pulcher wurde ein Jahr später in Rom aufgrund der katastrophalen Niederlage angeklagt und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Ein Gesetz verbot die Seekriegsführung anschließend für mehrere Jahre.

Die Figur des Tiberius ist fiktiv, ebenso seine Erlebnisse auf dem Schiff und auf dem Forum in Rom. Tatsächlich aber beschäftigten die Römer vom Staat bezahlte Hühnerwärter. Denn in Rom durfte keine bedeutende staatliche Angelegenheit durchgeführt werden, ohne vorher die Zustimmung der Götter einzuholen. Und auf einem Feldzug ging das mit den Hühnern am einfachsten – wenn der Hühnerwärter nicht gerade einschlief. Ob es unter den Hühnerwärtern auch so etwas wie Lehrlinge gab, ist ungewiss; aber irgendwie musste man den Beruf ja erlernen.

Die Ruderer auf den Schiffen waren freie Männer und viele waren Bürger der süditalischen Bundesgenossen der Römer. Sklaven setzte man in der Antike normalerweise nicht ein bzw. ließ man sie vorher frei. Sträflinge wurden erst in der frühen Neuzeit zum Ruderdienst verurteilt. Die entsprechenden Szenen bei „Ben Hur“ sind also Unfug.

Die Ruderschiffe der Antike bezeichnete man auch nicht als Galeeren (diese ist ein Schiffstyp des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit). Das Schiff, auf dem Tiberius Dienst tut, ist eine Quinquereme, übersetzt also ein Fünfruderer, das Hauptkampfschiff im Ersten Punischen Krieg. Eine Quinquereme war etwa 45 Meter lang und wurde von 300 Mann gerudert. Sie besaß drei Riemenreihen übereinander, nicht fünf. Vermutlich saßen an den oberen beiden Riemen jeweils zwei Mann, denn sonst wäre das Schiff zu hoch und zu instabil gewesen.

Die Worte, mit denen Claudius die Hühner über Bord wirft, werden erst von Schriftstellern überliefert, die lange nach den Ereignissen schrieben: Cicero im ersten Jahrhundert vor, Valerius Maximus im ersten Jahrhundert nach der Zeitwende beispielsweise. In dem Bericht über die Seeschlacht von Drepanum des griechischen Historikers Polybios (ca. 200 – 120 v. Chr.) steht jedoch nichts dergleichen. Ist der Frevel des Claudius also nur eine Geschichte?