Titus Manlius und die Volksversammlung

Titus Manlius und die Volksversammlung

4. April 2021 0 Von Daniel Bühler

Dies ist ein „Outtake“, also eine gelöschte Szene aus meiner Anthologie-Geschichte „Der Ring des Römers“. Leider musste ich die Szene löschen, weil die Geschichte sonst viel zu lang geworden wäre. Der folgende Abschnitt stellte ursprünglich das zweite Kapitel dar und spielt am Vormittag desselben Tages wie Kapitel Eins. In diesem hatte Titus Manlius den Volkstribun Marcus Pomponius mit einem Dolch bedroht. Titus wollte den Tribun zu einem heiligen Schwur zwingen, Titus’ Vater nicht vor der Volksversammlung anzuklagen. Es ist das Jahr 362 vor der Zeitwende.

Ein Outtake aus „Der Ring des Römers“

Voller Ehrfurcht betrachtete Titus Manlius vom Forum aus den riesigen Neubau des Tempels oben auf dem Kapitol. Als die Gallier vor 25 Jahren die Stadt erobert hatten, hatten sie den Jupitertempel niedergebrannt und Titus schwor, sie dafür irgendwann büßen zu lassen. Er würde es schaffen, so wie er vorhin den Schwur von Pomponius erzwungen hatte. Keine Anklage seines Vaters!

Mittlerweile war es deutlich milder geworden und ein sanfter Wind wehte ab und zu eine Wolke über den Himmel. Zahllose Menschen befanden sich auf dem Forum und dem Comitium, dem angrenzenden Versammlungsplatz des Volkes zwischen der Rednertribüne und der Curia, dem Haus des Senats. Das Geschrei der Leute, die in der angrenzenden Ladenzeile Lebensmittel feilboten, erinnerte Titus daran, dass er noch nichts gegessen hatte und sein Magen grummelte. An der Theke des ersten Ladens zerlegte ein Schlachter mit blutbefleckter Tunika eine Schweinehälfte. Mit derselben Axt schlug er anschließend ein Stück von einem gegossenen Kupferklumpen ab, den er von einem Senator in purpurverbrämter Toga erhalten hatte. Der Schlachter wog das Kupferstück und reichte dann dem Sklaven des Senators mehrere Stück Fleisch. Vor der Taverne nebenan stand eine ältere Frau mit krummem Rücken und bot dem Besitzer einen Korb voller Eier an. Dafür erhielt sie eine Tonschüssel halbvoll mit Getreidekörnern.

Titus beschloss einen der Händler fragen, ob er für ihn arbeiten könne; er hatte außer seiner Arbeitskraft nichts anzubieten. Doch in diesem Moment postierte sich ein Ausrufer mitten auf dem Platz.

»Bürger, versammelt euch«, rief er, »der Volkstribun Marcus Pomponius wird zu euch sprechen.«

Titus erstarrte. Was hatte das zu bedeuten? Pomponius würde doch seinen Schwur nicht brechen? Mögen die Götter das verhüten. In diesem Moment packte ihn jemand an der Schulter.

»Unsterbliche Götter!« Die Stimme war ein Knurren. Oh nein! Titus drehte sich um.

»Was hast du in Rom zu suchen?«, sagte sein Vater und bevor Titus reagieren konnte, verpasste der ihm eine Ohrfeige.

Für einen Moment war der Schmerz so heftig, dass Titus beinahe die Tränen kamen. Aber er beherrschte sich. Er war so ein Esel! Sein Vater trug die Toga mit Purpursaum, er war Senator – es war doch klar, dass er sich auf dem Forum aufhielt.

»Wer hat dir erlaubt, den Hof deines Onkels zu verlassen?«

»Es tut mir leid, Vater.« Titus bemühte sich, seinem Vater in die Augen zu sehen – sonst würde der noch wütender werden. »Es … es gibt keine Entschuldigung.«

Als Titus’ Vater zu einer Erwiderung ansetzte, trat einer seiner Freunde hinzu, der sich mit einigen anderen Begleitern bislang im Hintergrund gehalten hatte.

»Lucius. Der Volkstribun Pomponius hält seine Ansprache.«

Schräg rechts vor ihnen erschienen Pomponius und sein Ausrufer auf der Plattform der großen gemauerten Rednertribüne. Die Stufen befanden sich auf der ihnen abgewandten Seite zum Comitium hin. Sein Vater gab seinen Begleitern ein Zeichen, ihm durch die Menschenmenge zu folgen. Titus ging ihnen nach, während der Ausrufer das Volk zum Schweigen aufforderte und ein Gebet sprach. Er musste wissen, was Pomponius vorhatte. Auf dem Comitium würde er den Tribun besser hören und sehen können. Neben der Curia fanden sie eine freie Stelle. Titus hielt ein paar Schritte Abstand zu seinem Vater – zur Sicherheit.

»Bürger Roms. Ihr seid zornig über die Taten des herrischen Lucius Manlius«, begann Pomponius seine Rede.

Titus hielt die Luft an. Der Tribun tat es tatsächlich. Aber er hatte es doch geschworen – bei Jupiter, dem Höchsten, hatte er es geschworen!

»Zu Recht seid ihr zornig.« Pomponius hob Blick und Hände zum Himmel. »Götter und Menschen sind meine Zeugen. Keiner und sei es auch ein Mann aus so vornehmer Familie und ehemaliger Diktator darf euch so schändlich behandeln.«

Die Menge jubelte und klatschte.

»Brut des Pöbels«, sagte sein Vater mit ausdruckslosem Gesicht, doch seine Stimme jagte Titus einen Schauer über den Rücken. Titus war nur nicht klar, ob er den Tribun oder die Leute meinte; vermutlich beide.

»Bürger, hört.« Pomponius machte eine Pause und Titus wurde flau im Magen. Was kam jetzt?

»Und dennoch werde ich Manlius nicht vor dem versammelten Volk zur Rechenschaft ziehen.« Für einen Moment herrschte Stille. Als die Leute begriffen, was der Tribun gesagt hatte, pfiffen sie, Buhrufe waren zu hören.

»Ich habe bei Jupiter einen heiligen Schwur getan«, rief Pomponius und zeigte auf den Tempel auf dem Kapitol. Wieder schwieg die Menge. »Und wer bin ich, die Götter zu missachten?«

Titus ballte die Faust. Der Tribun wagte es nicht – Titus hatte gewonnen, gewonnen!

In diesem Moment dreht sich Pomponius in seine Richtung, sah ihn direkt an. Er oder der Ausrufer mussten Titus bemerkt haben, als er sich im Schlepptau seines Vaters durch die Menge gedrängelt hatte. Der Tribun zeigte mit dem Finger auf Titus. »Im Gegensatz zu diesem jungen Mann, Titus Manlius, der Sohn des Lucius.«

Oh nein! Ein Raunen ging durch die Menge. Die Leute, die direkt neben Titus standen, traten einen Schritt zur Seite.

»Heute, beim ersten Morgenlicht kam er in mein Haus«, rief Pomponius und untermalte seine Worte mit dramatischen Gesten. »Ein Haus, dessen Tür für euch Bürger immer offen ist. Mit dem Dolch in der Hand hat er mich gezwungen, den Schwur abzulegen! Drohte mir. Töten wolle er mich, Bürger Roms, wenn ich nicht die Schandtaten seines Vaters ungestraft ließe. Mich, einen Volkstribun. Euren Volkstribun, der doch heilig und unverletzlich heißt.«

Die Menge schnappte nach Luft, einige Bürger tuschelten miteinander, andere schimpften. Manche sahen Titus mit entsetzten, manche mit wütenden Blicken an. Titus schluckte, jetzt saß er in der Patsche. Die Leute würden ihn auf der Stelle umbringen; es hieß, das Volk hatte einst geschworen, jeden zu töten, der einen Volkstribun bedrohte. Auch sein Vater sah ihn an, wieder wirkte seine Miene so unergründlich wie die einer der Statuen auf dem Kapitol.

Die Leute diskutierten, stritten, schrien durcheinander. »Titus, Titus!«, riefen manche. Doch andere brüllten: »Frevler, Frevler!«

Auf der Tribüne hingegen wirkte Pomponius völlig verdutzt. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass einige Bürger Titus’ Tat guthießen.

»Tötet den Frevler«, rief eine schrille Stimme, die inmitten der anderen deutlich zu hören war.

»Tötet ihn, tötet ihn!«, stimmten weitere ein.

Da löste sich ein großer Mann mit einem Bart, der selbst Jupiter Ehre gemacht hätte, aus der Menge und baute sich zwei Schritte vor Titus auf. Seine Hände waren die eines Bauern, von Wind und Wetter gegerbt, die Risse in den Handinnenflächen schwarz von der Erde. Vor allem aber erschienen sie Titus so groß, als könne der Mann ihn damit zerquetschen wie eine Maus. Mit einer feierlichen Bewegung zog sich der Bärtige die Toga von den Schultern, sodass er mit nacktem Oberkörper vor Titus stand. Auf seiner Brust befanden sich zahlreiche Narben, viele von Speeren verursacht. Die längste aber, von der rechten Schulter bis an die linke Hüfte, musste von einem Schwert stammen. Wie viele Kriegszüge der Bärtige mitgemacht hatte? Jetzt drehte er sich langsam einmal um sich selbst; sein Rücken war unversehrt.

Das Geschrei der Menge war verebbt. Sämtliche Augen waren auf sie gerichtet und viele musterten den Veteranen mit respektvollen, ja ehrfürchtigen Blicken.

»Tribun, erlaubst du mir zu sprechen?«, sagte der Bärtige.

»Sage, was du zu sagen hast«, antwortete Pomponius und nickte. Trotz der Entfernung von vielleicht 25 Doppelschritten, glaubte Titus, so etwas wie Genugtuung oder sogar Vorfreude auf dem Gesicht des Tribuns zu erkennen.

»Titus Manlius«, sagte der Bärtige. »Ich bin Gaius Antistius aus der Tribus Voltinia und über 50 Jahre alt. Noch vor fünf Jahren habe ich unter Marcus Furius gegen die Gallier gekämpft und einen Kranz für die Rettung eines Bürgers erhalten.« Antistius kam ein Schritt näher. »Dein Vater hat dem Volk Unrecht getan.«

»So ist es!«, riefen mehrere Leute.

»Und er hat dir Unrecht getan. Aber du, Titus, hast an einem Tribun des Volkes gefrevelt. Ist das alles wahr, was ich gehört habe?«

Titus schluckte.

»Lüg nicht.« Das war wieder diese schrille Stimme. Die Menge schien jetzt den Atem anzuhalten. Antistius war unbewaffnet. Doch der brauchte keine Waffe, um Titus zu töten. Für einen Augenblick verspürte Titus den Impuls, wegzurennen, doch er war wie erstarrt. Außerdem wäre sein Vater der erste, der ihn aufhalten würde. Ein Römer lief nicht davon.

»J… Ja. Es … es ist wahr.« Es war heraus. Titus’ rechtes Bein fing an zu zittern, hoffentlich merkte es niemand. Antistius trat ganz nah an Titus heran. Langsam umfasste er Titus’ Nacken mit einer seiner Pranken. Titus’ Herz raste. War das sein Ende?

»Ein Volkstribun gilt uns als heilig«, sagte Antistius mit lauter Stimme. »Aber ich habe nie von einem größeren Beweis der Liebe eines Sohnes zum Vater gehört. Die Sohnespflicht, den Vater zu ehren, ist für uns Römer die heiligste und älteste aller Pflichten. Solange wir sie ehren, sind die Götter dem römischen Volk gewogen.«

Antistius drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menge, um den Versammlungsplatz zu verlassen. Als die Leute ihm Platz machten, lag Ehrfurcht auf ihren Gesichtern. Dann brachen die Menschen in Jubel aus und fast alle riefen „Titus“ oder „Manlius“.

Mit fassungslosem Gesicht trat Pomponius in diesem Moment an den Rand der Tribüne. »Habt ihr nicht gehört, ihr …?« Seine Stimme überschlug sich. »Der junge Manlius hat mich bedroht, hat mich angegriffen; dieser … dieser undankbare Bastard …«

Ein tosendes Pfeifkonzert begann, die Leute brüllten und beschimpften Pomponius. Irgendjemand schmiss eine Rübe und verfehlte ihn nur knapp. Fluchtartig verließ der Volkstribun die Tribüne.

Eine Hand legte sich auf Titus’ Schulter. Er drehte sich um und die Miene seines Vaters wirkte immer noch wie in Stein gehauen. Dann aber zog der seinen eisernen Siegelring vom Finger und hielt ihn Titus entgegen.

»Der Ring unserer Familie. Der Ring eines Manlius«

Titus war sprachlos – das hatte er nicht erwartet. Nur die Väter bedeutender Familien Roms, vor allem die Senatorenfamilien, trugen solche Ringe – und die Söhne, sobald sie erwachsen waren.

»Mach den Mund zu, das ist würdelos«, blaffte sein Vater.

Sofort befolgte Titus den Befehl. Reiß dich zusammen! Er nahm den Ring und versuchte, ihn so erhaben wie möglich auf seinen Finger zu schieben. Sein Vater runzelte die Stirn, schwieg aber zunächst.

»Die nächsten Jahre werden erweisen, ob du es würdig bist, den Ring zu tragen. Ob du ein Manlius bist.«

Titus schluckte. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, dass der Ring schwer war wie ein Quaderstein. »Ja, Va…«

»Enttäusch mich nicht!«, bellte sein Vater. »Und jetzt mach, dass Du zurück auf den Hof deines Onkels kommst. Du hast die Arbeit eines Tages nachzuholen. Und du wirst dir mit dem Vieh und den Sklaven die Gerste teilen, weil Du unerlaubt den Hof verlassen hast. Für eine Woche. Sag das deinem Onkel.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich sein Vater um und verließ zusammen mit seinen Begleitern den Volksversammlungsplatz. Hatte sich da nicht ein Lächeln auf sein Gesicht verirrt? Titus war sich nicht sicher; aber dieser Moment war der schönste seines Lebens.

»Ja, Vater«, sagte Titus und machte sich auf den Weg. Zahlreiche Menschen nickten ihm zu, klopften ihm auf die Schulter. Es würde schwer werden, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Dennoch schwor er sich, alles zu tun, seinen Vater nicht zu enttäuschen. Koste es, was es wolle. Die Gelegenheit käme bestimmt bald. Der nächste Krieg war nie fern.

Wie es weitergeht, könnt ihr in „Der Ring des Römers“ in den Dazwischengeschichten nachlesen.