Empire state of mind

Empire state of mind

14. Juli 2019 0 Von Julia Dietz

Tinder war gestern. Offline-Dating is back!

 

Die Party war der absolute Reinfall. Ich stand im Türrahmen in meinem Kostüm und zog an meiner Zigarette. Warum hatte ich mich nochmal darauf eingelassen? Ach ja, ich brauchte eine neue Story. Offline-Dating in Zeiten von Tinder und Co. Ich wusste, dass es hart werden würde, aber so kompliziert? Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich hätte es wahrscheinlich auch einfacher haben können, wenn ich mich als Sexy Hexy oder irgendwas anderes mit kurzem Rock und tiefem Auschnitt verkleidet hätte. Dafür hätte ich aber vorher 10 Kilo abnehmen müssen um nicht auch noch den letzten Typen zu verschrecken. Stattdessen hatte ich mich für die Mumie entschieden. 1000 Meter Mullbinde, die sich langsam aber sicher von meinem Körper schälte. Ich sah eher aus wie ein Patient mit Ganzkörper-Knochenbruch. Ein Typ im Dracula-Kostüm musterte mich mit Fahrstuhlblick, als er an mir vorbei lief, entschied sich dann aber doch für die Sexy Hexy zwei Meter von mir entfernt. Es war frustrierend. Wenn ich nicht so schüchtern gewesen wäre, hätte ich auch einfach jemanden ansprechen können. Aber leider war ich nur gesegnet mit dem Selbstbewusstsein einer Mimose. Sobald mich jemand berührte, klappte ich die Blätter zusammen. Als ich mich zur anderen Seite drehte stand Linda vor mir.

„Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber weißt du, Rauchen ist nur draußen auf dem Balkon gestattet. Und jeder hält sich daran. Könntest du also bitte mit deiner Zigarette rausgehen? Das wäre total nett von dir.“
Sie sah mich mit gespitzten Lippen an und zeigte Richtung Tür. Ich lächelte nur verklemmt und drängelte mich kurz darauf durch die tanzende Masse nach draußen. Ein kalter Ostwind blies mir ins Gesicht, als ich den Balkon betrat. Außer einem Aschenbecher, der auf dem Boden stand und leer war, befand sich absolut niemand hier draußen. Warum auch?! Es war verdammt kalt und zugig. Ich rauchte nervös meine Zigarette bis auf den Filter. Scheiß Sucht! Wo waren denn die ganzen anderen Raucher abgeblieben? Hatte ich irgendwas verpasst? Ich schaute über die Balustrade des Balkons auf die Straße. Absolut gähnende Leere. Was hatte ich mir nur dabei gedacht auf eine Halloween-Party bei Linda, der Putzfanatikerin zu gehen. Wir kannten uns seit dem Kindergarten. Wir wohnten in der gleichen Stadt. Und irgendwie kamen wir irgendwann auf die verrückte Idee zusammen in einer WG zu leben. Weil WG war irgendwie hip und cool und hatte was von Kommune 1 und Hippie-Flair, Uschi Obermaier und Rainer Langhans. Wobei ich wohl eher Rainer Langhans war und Linda Uschi Obermaier. Zumindest optisch. Das war jedenfalls meine Vorstellung, als ich in mein Zimmer einzog, meine Gebatikte Decke an die Wand hing, um die Tür zu verdecken, die unverständlicher Weise ins Klo führte. Ich hatte das Zimmer gewählt, weil ich dachte, dass es cool wäre, direkt neben dem Klo zu schlafen, weil ich doch immer nachts aufstehen musste um pinkeln zu gehen, aber da hatte ich ja noch keine Ahnung, von den Typen, die Linda mit nach hause brachten. Und zu dem Zeitpunkt wusste ich auch noch nichts von ihrem Tick. Ich fragte mich, wie sie es all die Jahre, die wir uns kannten, geschafft hatte, das vor mir zu verbergen. Aber vielleicht war ich auch einfach nur auf einem Auge blöd. Am Anfang fragte sie immer noch vorsichtig, wann ich denn mal mein Geschirr abwaschen würde. Zwei Stunden nach dem Kochen. Ob ich nicht mal wieder den Flur saugen könnte. Nach ihrer Staubsaugerattacke am Morgen. Und ob ich nicht draußen vor der Tür rauchen könnte. In meinem Zimmer stehend, die Arme verschränkt, während ich am offenen Fenster saß und an meiner Zigarette zog. Linda hatte die Idee mit mir zusammen zu wohnen nur aus einem Grund angenommen. Geiz! Sie war ein absoluter Geizhals und versuchte sogar die verbrauchten Klopapierrollen personengenau abzurechnen. Es eskalierte, als sie mich zum wiederholten Male fragte, ob nicht abends eine Kerze statt der Deckenleuchte in meinem Zimmer ausreichen würde, dann könnten wir Strom sparen. Wir wohnten genau sechs Monate zusammen. Im Nachhinein fand ich heraus, dass sie auch bei den Männern sparte. Sie benutzte nämlich meinen Freund mit. Wahrscheinlich um Wasser beim Duschen zu sparen. Also zog ich aus und ließ Linda zurück und meinen Ex-Freund gleich dazu. Ich konnte aber leider nie jemandem besonders lange böse sein. Und jetzt war ich hier auf ihrer ätzenden lahmen Party, bei der alle die Schuhe ausziehen und Getränke auf Untersetzer stellen mussten und bloß nicht im Stehen pinkeln durften.

Die Balkontür ging auf. Ich schaute erst nicht hin, weil mich die Einsamkeit des Balkon gerade eingelullt hatte, aber dann stand er plötzlich neben mir. Er war mintgrün. Von Kopf bis Fuss, trug Toga und einen Zackenkranz als Krone.
Ich zog gerade die letzte Glut weg, und schmeckte schon den Kunststoff des Filters, als er mich anlächelte.
„Cooles Kostüm!“, sagte er. „Hast du auch eine Zigarette für mich?“
Ich hielt ihm überrumpelt meine Schachtel hin. Er sah gut aus. Zu gut. Für jemanden wie mich.
„Ich hoffe, du rauchst noch eine mit?“
Ich nickte. Kurz darauf bliesen wir beide den Rauch über die Reling in den kalten Ostwind.
„Du bist ernsthaft als Freiheitsstatue auf eine Halloween-Party gekommen?“, fragte ich.
Er grinste breite, stellte sich gerade hin, zog die Schultern zurück, tat so als würde er eine Tafel in der Linken halten und streckte eine grün angemalte Taschenlampe in die Luft.
Ich kicherte, als er anfing mit dem Licht der Taschenlampe S-O-S als Morsezeichen gegen die Decke über uns zu blinken.
„Wieso?“, fragte er zurück.
„Du weißt schon, wie der Dresscode für Halloween ist?“
„Ich hatte kein anderes Kostüm. Warum bist du nicht als Hexe gekommen?“
Ich sah drinnen zu den anderen Mädels in ihren Hexenkostümen.
„Zuviel Konkurrenz.“
Er schmunzelte still.
„Und wie findest du die Party?“, fragte ich.
„Bisher eigentlich ganz gut, aber draußen rauchen ist echt ein No-Go bei Partys. Absoluter Stimmungskiller!“
„Darum raucht bestimmt auch keiner.“
Wir grinsten uns an. Sein Lächeln erinnerte mich an David, meinen Ex und ich spürte wie meine Knie anfingen zu zittern.
„Und wie findest du die Party?“, fragte er.
Ich lehnte mich mit dem Po an die Rehling.
„Eigentlich bin ich nur hier, weil ich gerade an einer neuen Story schreibe. Thema: ‚Offline Dating in Zeiten von Tinder’“, sagte ich.
„Interessant. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal jemanden Offline gedatet habe. Und wie kommst du voran?“
„Eher mäßig.“
Er schaute mich wieder an, mit diesem Lächeln. Es war die Chance, dachte ich mir. Wenn ich jetzt nicht in die Vollen gehe, wird das nie was.
„Vielleicht… gibst du mir ja deine Telefonnummer? Dann könnten wir uns mal treffen“, sagte ich.
Er lächelte immer noch, auch als die Balkontür aufging und sich eine Sexy Hexy um seinen Arm schlang.
„Kommst du jetzt endlich wieder rein? Es ist doch kalt hier draußen“, sagte sie.
Sie drückte ihm einen Kuss auf den Mund und ihre Augen huschten einen Moment zu mir herüber. Dann zog sie ihn hinter sich her, zurück ins Warme.
Und ich stand da mit meiner herunter gerauchten Zigarette, starrte meiner einzigen Chance hinterher, schnipste den Stummel über das Geländer auf die Straße und überlegte gleich hinterher zu springen.

Phase 1 des Offline-Datings: gehe niemals im Mumien-Kostüm auf eine Halloween-Party und versuche eine Freiheitsstatue zu daten.