Sophie

Sophie

3. November 2019 2 Von Nadine Braun

Sophie´s Entdeckung

Sie zieht die Schublade auf und schließt sie sofort. Die Dose mit den Erdnüssen muss hier sein. Manchmal vertut sich Sophie mit den Fächern. So lange du noch weißt wo deine Schlüssel sind, ist es kein Alzheimer, sagt die Schwiegertochter immer und das ist beruhigend, zumindest für den Moment. Das Bücken geht schon lange nicht mehr so gut. Deswegen hatte Sophie die Dose weiter hoch gestellt. Sie findet sie im Regal über der Spüle, schraubt den runden Metalldeckel ab und sieht nach, ob noch genug Nüsse drin sind. Zur Hälfte gefüllt. Also nimmt sie die Tüte mit den Erdnüssen aus dem Speiseschrank neben dem Herd und schüttet den Inhalt hinein bis die Dose randvoll ist. Dann schraubt sie den Metalldeckel wieder zu.

Am Fenster bleibt sie stehen, um zu schauen wie das Wetter ist. Vor der Fensterfront, direkt hinter dem Esstisch, wirkt der Himmel wie eine riesige Betonkuppel. Die Aussicht ist der Wahnsinn, sagen Besucher immer. Und das stimmt. Jeden Morgen kann Sophie über die halbe Stadt sehen. Im Sommer oder bei Föhn ist es so klar, das die Alpen am Stadtrand hinter den Industrietürmen aufleuchten.
Aber heute ist es bewölkt. Schneeflocken wirbeln und tanzen wild. Sophie kann den Hof und die Hauptstraße vor dem Haus kaum erkennen. Geschweige denn den Park. Obwohl es unter der Woche ist, scheinen die Straßen nicht so befahren zu sein wie sonst. Das liegt wohl am Wetter, denkt sie sich.
Sie zieht sich den braunen, köchellangen Mantel über und die weiße Wollmütze. Die Dose mit den Erdnüssen steckt sie in ihren Stoffbeutel. Schnell in die Halbstiefel! Dann verlässt sie die Wohnung. Sie sperrt zweimal ab. Auch wenn sie nicht lange fort ist. Unsinn, denkt sich Sophie, aber zweimal absperren gibt Sicherheit. Zumindest denkt man das.

„Der Aufzug funktioniert mal wieder nicht“, krächzt es durch den Hausflur. Es ist die Alte von nebenan. Immer wenn Sophie die Wohnung verlässt, steht sie schon Arme verschränkt am Türstock, als hätte sie gewartet. Sie erinnert Sophie an die nackten Katzen. Bedauernswerte Wesen. Frau Krampe ist nicht bedauernswert. Jeder im Wohnblock, ausser sie selbst, weiß das. Sie hatte schon hier gelebt, als Sophies Kinder noch hier wohnten.

„Guten Morgen Frau Krampe“, flötet Sophie und will gleich zum Treppenhaus.

„Das waren bestimmt wieder die Yilgüns. Ich sags ihnen, seit diese Flüchtlinge hier wohnen, ist ständig der Aufzug kaputt.“
Mit fest überzeugtem Blick und die Arme verschränkt lehnt die Krampe an ihrem Türstock und zieht die Mundwinkel nach unten. Sophie will ihr sagen, dass die Familie die vor kurzen in den dritten Stock gezogen sind, aus dem Nachbarort kommen. Und nicht aus Syrien. Doch es hat keinen Zweck das Frau Krampe zu erklären. Beim letzten Versuch hatte sie auf Herrn Erdogan verwiesen und von Verrat an der Demokratie gesprochen. Dann hielt sie eine zwanzigminütige Rede über lose Kinderschuhe im Flur, lautes Geschrei und das hier ja bald keine Deutschen mehr wohnen.

Sophie winkt ab. „Tut mir leid Frau Krampe. Ich hab leider keine Zeit heute!“

„Gehen Sie wieder das Ungeziefer füttern?“

Sie weiß dass die Krampe einsam ist und deswegen so verbittert. Oder sie ist einsam, weil sie verbittert ist. Genau weiß Sophie das doch nicht. Sie hofft dass sie ihr nicht wieder nachstellt. Aber das ist unwahrscheinlich, weil der Aufzug nicht geht.

Sophie muss die sieben Stockwerke selbst hinunter laufen. Nach jedem Treppenabschnitt macht sie eine kleine Pause. Es ist nicht ganz so schlimm. Aber aus der Puste kommt sie schon sehr leicht. Die Füße wollen auch nicht mehr so wie früher. Doch es muss irgendwie gehen, denn ihre Hilfe wird dringend gebraucht. Die Raben brauchen Futter um gut durch den Winter zu kommen.

Der Park ist gegenüber von ihrer Wohnung. Sie muss nur über die Hauptstraße gehen. Jeden Tag ist dort der Verkehr so schlimm, dass man die Fenster nicht offen lassen kann. Es stinkt nach Benzin und Abgasen. Ein Wunder, denkt sie sich jedes mal, dass auf der anderen Seite noch Bäume wachsen. Als sie vor die Türe tritt, atmet sie kalte Luft in ihre Lunge. Weiße Flocken taumeln aus dem Himmel. Graue Haarsträhnen wehen ihr ins Gesicht. So etwas wie Glück oder das Gefühl von Freiheit durchströmt ihren Körper. Dieses Ritual hält sie fit. Sie streift sich die Kapuze vom Mantel über die Wollmütze und läuft in Richtung Hauptstraße. Noch einmal dreht sie sich um. Aber Frau Krampe geht bei diesem Wetter nicht raus. Sophie kann sich nichts schöneres vorstellen und lächelt. Schnee und Eis erinnern sie an früher. An ein einen warmen Ort, Kinderlachen, an ein zu Hause.

Als sie die große Strasse erreicht ist es ungewohnt still. Normerlweise passieren die Autos und Lkws im Sekundentakt die Ampeln. Sophie sieht sich erstaunt um. Keine Fahrzeuge. Niemand rennt auf dem Gehweg um noch in die Straßenbahn zu springen. Keine Radfahrer hetzen an ihr vorbei. Der Bürgersteig, die Straße, sowie die Schienen sind menschenleer. Nur ein Windstoß fegt eine Plastiktüte über den schneebedeckten Asphalt hinüber zum Parkeingang. Unwillkürlich muss sie an die Apokalypse denken. Und lächelt den Gedanken weg. Bestimmt hat das Alles seinen Grund.Weil die Krampe noch existiert, ist sich Sophie sicher, dass nicht die biblischen Reiter verantwortlich sind, sondern vielleicht eher dieser leichte Schneesturm, der seit heute morgen tobt.

Im Park ist alles weiß und scheint unendlich weit. Doch etwas ist anders. Das merkt sie sofort, als sie wie angewurzelt zwischen den ersten Kastanien verweilt und ihre Augen die kahlen Äste absuchen. Eine Nuss schon in der Hand, eigentlich bereit zum verfüttern. Doch wo sind sie? Der Wind schüttelt Schnee von den Baumwipfeln. Ansonsten ist es totenstill. Weder Krächzen, noch Flattern. Ihre schwarz gefiederten Lieblinge hüpfen nicht wie sonst durch die Äste. Sophie zwingt sich trotz ihrer Verwirrung ein paar Schritte voran. Sie schnalzt mit der Zunge. Ihre Finger umklammern die Nuss. Voller Hoffnung wirft sie diese einfach von sich. Dann die nächste. Und macht unsicher Geräusche, die so klingen, als wollte sie Katzen anlocken. Doch eigentlich kommen die Raben immer schon angeflogen, wenn Sophie den Park betritt. Inzwischen kennen sie Sophies Bewegungen, ihren Geruch und sie wissen genau, dass sie Futter von ihr bekommen.
Ein paar Schritte weiter bleibt sie stehen und sieht sich um. Schwarze nackte Bäume. Stiller Schnee. Der Eingang scheint unendlich weit weg. Etwas schnürrt sich um ihre Brust.

„Was ist hier los?“, keucht sie in die bitterkalte Luft. Auf einmal ist die Temperatur um ein paar Grad gesunken. Warum kann sie sich nicht erklären. Noch einmal sucht sie mit den Augen den Himmel und die Kronen ab und zieht sich den Mantel fester um ihren Körper. Jetzt ärgert sie sich, dass sie keine Handschuhe angezogen hat. Plötzlich ein ziehender Schmerz an ihrem Finger. Eine Schicht Eis zieht sich sehr schnell wie Zuckerguß über die Metalldose. Erschrocken lässt sie los. Sophie kann nicht glauben was sie eben gesehen hat und bückt sich hinunter, geht in die Knie. Doch die Dose ist tasächlich schock gefrostet. Sie entdeckt Gefrierbrand am Zeigefinger. Flügelschlagen! Etwas das größer sein muss als ein Rabe. Sie fährt herum. Doch da ist nichts. Sie steht auf. Schwindel steigt ihr in den Kopf, die Kälte beisst so sehr, dass ihre Lunge beginnt Eiskristalle auszustoßen. Sie sollte gehen, sollte ihre Beine in die Hand nehmen und laufen. Etwas ist hier. Sie spürt es und sieht sich hektisch um. Die Neugierde oder die Tatsache, dass Sophie ihre Beine nicht mehr richtig bewegen kann, lässt sie verweilen. Zu spät, um weg zu laufen. Zwischen den schwarzen Stämmen huscht etwas das so schnell wie ein Reh und so weiß wie der Schnee selbst ist.
Ungläubig und mit offenem Mund versucht sie dem Körper zu folgen, der in ihr Blickfeld zischt und wieder verschwindet. Dann wird es still.

„W…wer ist da?“, flüstert Sophie unsicher. Keine Antwort. Nur ein Schnauben. Nicht ihr eigenes. Denn sie merkt nicht einmal, dass sie seit ein paar Sekunden die Luft anhält. Ein Raubtier, denkt sie. Es muss aus dem Zoo geflohen sein. Deswegen ist die ganze Straße wahrscheinlich gesperrt. Sie nimmt sich vor öfter Nachrichten zu hören. Was soll sie tun? Sie versucht sich daran zu erinnern, was sie über die Begegnung mit wilden Tieren weiß. Nicht weg rennen. Sich klein machen. Mehr fällt ihr nicht ein.

Wieder ein Schnauben. Ein Wolf? Sophies Körper zuckt, zwinkt sie zum einatmen. Eisige Kälte durchströmt sie. Ihre Fingerspitzen sind taub. Etwas raschelt, schnaubt und klingt so mächtig wie eine ganze Herde Wildpferde. Doch was da aus dem Unterholz hervortrabt ist kein Pferd, es ist auch kein Wolf.
Sophie reißt die Augen auf. Sie muss bis in die Baumwipfel schauen, als sich das mächtige Wesen aufrichtet. Das kann nicht sein! Sie will schreien, aber verstummt.

Fortsetzung folgt….