Edith, morgens am Waldrand

Edith, morgens am Waldrand

23. August 2020 3 Von Katharina Maier

Edith ist eine englische Lady. Nur stimmt das nicht. Das glauben nur alle. Deutschen kann man so was erzählen. Edith erzählt viel über sich, und wenig davon ist wahr. Eine Begegnung  am Rande eines Waldes könnte das ändern.

Instant-Text

Seit etwa einem halben Jahr habe ich Spaß daran gefunden, meine eigenen Schreibanregungen aufzugreifen. Wer es nicht weiß: Wenn ich nicht gerade schreibe (oder lektoriere), halte ich Kurse zum Kreativen Schreiben und Wordshops ab. Und da meine Schreiblehrlinge bei mir hart arbeiten müssen, gibt es immer wieder Schreibanregungen. Bei denen gilt es dann, in ziemlich kurzer Zeit aus mehr oder weniger komplexen, genauen und/oder themenbezogenen Angaben einen Text zu verfassen.

Perfekt soll und kann so ein „Instant-Text“ natürlich nicht sein. Aber ich bin immer wieder beeindruckt davon, welch schöne und runde Texte in so kurzer Zeit entstehen können. Angesichts dessen hat es erstaunlich lange gedauert, bis ich auf die Idee verfallen bin, mich selbst an diesem Instant-Schreiben zu beteiligen. Nun ja: Besser später als nie. Jetzt schreibe ich mit. Einen der entstanden Texte gebe ich euch heute zu lesen. 🙂

Die Zeit ist aus den Fugen

Anlass für diese spezielle Schreibanregung war die Überlegung, wie autor „Zeit“ erzählen kann: wie sie vergeht, wie wir sie wahrnehmen, wie wir sie zu greifen bekommen. Die Aufgabe, die ich per Zufall gezogen hatte, bestand darin, Hamlets berühmten Spruch darzustellen: Die Zeit ist aus den Fugen.

Dazu gab es noch eine Tageszeit – früh morgens – und einen Ort – am Waldrand. Die letzte Zutat war eine Figur, in meinem Fall eine englische Lady, die eigentlich gar keine Lady ist. Und diese Figur sollte einer Gruppe von mindestens drei Menschen begegnen. Darunter: ein Kindheitsfeind; der Vater der Figur oder jemand, der so aussieht; und eine völlig fremde Person.

Herausgekommen ist der folgende Text, den ich kaum bearbeitet habe (mal ein Wörtchen hier und da). Ich habe festgestellt, dass ich es reizvoll finde, diese Instant-Texte im Großen und Ganzen so zu belassen, wie sie spontan entstanden sind. Was meint ihr?

Edith, morgens am Waldrand

 

„Edith!“

Die Stimme ihres Vaters ist harsch. Sie ist immer harsch. Seine Hände sind hart.

„You’re a disgrace“, he says. She knows.

 

CUT

 

Die Vögel schrien in den Bäumen. Ediths Freundinnen aus der Stadt wären aus ihren hochhackigen Schuhen gekippt. Die glaubten, Vogelstimmen seien etwas Romantisches, Beruhigendes, ließen sich auf Massageliegen in exklusiven Spas etwas vorzwitschern, das so künstlich war wie ihre Brüste und die glatte Haut um ihre Augen. Sie waren noch nie in Gummistiefeln und Tweethosen um vier Uhr morgens am Rande eines Waldes gestanden.

Die Bäume rauschten. Die Vögel plärrten. Edith schulterte ihre lange Jagdflinte.

 

CUT

 

„It’s a girl“, sagt die Hebamme mit piepsiger Stimme, hält dem Vater das plärrende Bündel hin.

„Shame.“ Die Stimme des Vaters ist harsch. Sie ist immer harsch. Mit seinen harten Händen nimmt er der Hebamme das Bündel ab.

 

CUT

 

Aus dem Halbdunkel des Waldes traten drei Menschen. Drei. Es sollten nur zwei sein. Edith legte ihre Flinte an, tat so, als wüsste sie, auf wen sie zielen sollte. Keine der Frauen, entschied sie. Zielte auf den Mann. Er sah alt aus. Er sah aus wie ihr Vater. Sie wusste natürlich, dass er es nicht war. Aber er sah so aus. Ihr wurde schlecht davon, aber sie würgte zurück, was nach oben wollte.

 

CUT

 

„You’re so beautiful“, sagt James. Seine Stimme ist weich. Sie ist immer weich. Und falsch.

„Piss off, James“, sagt Edith harsch. James lacht. Noch vor einem Jahr hat er Edith an ihren langen roten Zöpfen gezogen.

 

CUT

 

„James“, sagte Edith, entsicherte die Flinte hörbar. Die ältere der Frauen stieß einen spitzen Schrei aus. Sie war mausgrau. Die andere Frau war groß, fast dünn und rothaarig. In ihrem Rücken rötete sich der Himmel. Sie sah aus wie aus Rost.

 

CUT

 

„You’re leaving that bloody school!”, raunzt ihr Vater. Sie stehen am Grab ihrer Mutter. Edith denkt nicht daran.

„Piss off“, sagt sie. Seine harte Hand klatscht gegen ihr Gesicht.

 

CUT

 

„You look well, Eddie.” James’ Stimme war weich und schwach, ging fast im Geplärre der Vögel unter.

„Your wife?“, fragte Edith und richtete die Flinte auf die mausgraue Frau, die wieder quietschte.

„Meine Mutter“, sagte die Rothaarige. Die Flinte zuckte in Ediths Händen.

 

CUT

 

James‘ Mund ist so weich wie seine Stimme. Es ist nicht nach Ediths Geschmack, aber sie macht trotzdem weiter.

„Not again“, wird ihr Vater sagen, als die Hebamme ihm das schreiende Mädchen hinhält. Vor den Fenstern rauschen Bäume im Morgen. Die Vögel plärren.

„Shame“, wird er sagen, seine Stimme harsch.

 

CUT

 

„Ich bin Charlotte “, meinte die Rothaarige. „Nun ja, Charlie. So sagen alle zu mir.“

Edith ließ die Flinte sinken. Charlie lächelte. Ein weiches Lächeln mit Härte in den Mundwinkeln. Sie trug schreiend pinke Gummistiefel, die sich mit ihren roten Haaren bissen.

„Hallo, Mama“, sagte Charlie. In ihrem Rücken ging die Sonne auf.