Die Kurve

Die Kurve

11. Dezember 2018 3 Von Daniel Bühler

Eine kurze Geschichte von Daniel Bühler, die letztes Jahr vor Weihnachten in einer Schreibwerkstatt von Katharina Maier entstanden ist. Aufgabe war, einen Text zu verfassen, der in der zweiten Person geschrieben ist. Eine Erzählperspektive, die eher selten verwendet wird.

Die Kurve

Der Trottel ist tot. Stirbt dir einfach weg. Okay, der Erste-Hilfe-Kurs ist lange her, aber du hast es immerhin versucht. Herzdruckmassage – oder sowas ähnliches. Hättest damals vielleicht besser aufpassen sollen, aber du hattest natürlich nur Augen für die Schwarzhaarige. Süß war sie eigentlich schon – nur zu sportlich für deinen Geschmack.

Aber der Kerl war selbst schuld, was hättest du denn machen sollen? Steht einfach auf der Straße, um zu pissen. Im Stockdunklen. Bei der Scheißkälte. Du kannst schon deinen Atem sehen und der Wind pfeift. Sorte Antarktis. Na ja, halb auf der Straße stand der Typ. Ja, okay, sei ehrlich, er stand am Straßenrand; aber doch nicht an der Stelle. In der Kurve. Wie bescheuert muss man sein? Nicht einsehbar. Da nützt seine grelle Jacke auch nichts mehr. Und ist es nicht normal, dass man auf den Randstreifen kommt, wenn man zügig durch die Kurve fährt? Sehr zügig. Viel zu schnell, würde deine Frau sagen. Aber die Zicke kann dich mal. Es war schon immer deine Kurve. Nie ist etwas passiert. Und jetzt das. Ausgerechnet heute.

Und jetzt brauchst du ganz schnell eine Lösung. Denk nach. Eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit. Du musst den Job des Typen selbst erledigen. Sonst hast du wirklich ein Problem. Nicht auszudenken, wenn Du schuld wärst, dass …

Okay, auf geht‘s.

Der Typ liegt neben der Straße, an der Stelle, wo du wie wild auf seiner Brust rumgeklopft hast. Jetzt nimmst du seine Füße, ziehst ihn ein Stück in den Wald. Verdammt, ist der schwer. Aber du willst nicht, dass ihn gleich der nächste Autofahrer sieht. Wegen Polizei und so. Nicht, dass die dich vorher einsacken. Plötzlich jagt dir ein Schmerz ins Kreuz, dass dir die Luft wegbleibt und du einen Moment inne halten musst. Reiß dich zusammen! Irgendwie gelingt es dir, den Kerl noch ein Stück weiter ins Unterholz zu ziehen. Geschafft, zurück zur Straße. Und jetzt? Dein Auto musst du hier lassen, stellst es nur etwas weiter hinter der Kurve ab, damit nicht gleich der Nächste reinrauscht.

Seltsames Modell, das der Typ da gefahren ist. Klar, hast du sowas schon mal gesehen, Du bist ja nicht ganz von gestern. Aber selber gelenkt. Never. Trotzdem, so schwer kann das ja nicht sein. Mühsam steigst du ein. Muss das so hoch sein? Immerhin, der Sitz ist mit einem Schafsfell oder etwas ähnlichem ausgelegt. Hält schön warm. In Ordnung, du schaffst das. Du musst es schaffen! Sonst warten morgen alle umsonst. Moment! Du springst nochmal runter, läufst zu dem toten Kerl, ziehst ihm seine Jacke aus. Du wolltest schon immer mal so eine Dienstuniform tragen – Zustelldienst, könnte man sagen. Als du hinein schlüpfst merkst Du, dass du zweimal drin Platz hättest. Egal. Schöne Farbe – leuchtet. Du steigst wieder ein.

„Hü Hott“, rufst du mit deiner roten Jacke und die Rentiere setzen sich in Bewegung. Langsam hebt der Schlitten mit den Geschenken ab. Geht wie von selbst, denkst du und plötzlich ist der Wind auch mehr so … Sorte Mittelmeer. Du vergisst den Trottel, der tot im Wald liegt. Hauptsache, die Kinder bekommen morgen ihre Weihnachtsgeschenke. Pünktlich.